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Full text: Jettchen Gebert / Hermann, Georg (Public Domain)

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oder Straßen; wo man nur blauen Himmel sah, in den 
Blütenzweige schnitten und griffen, und wo von allen Lauten 
dieser Erde nur das Summen der Bienen, der Flügelschlag 
eines Falters und das Zwitschern eines Meisenpaares im 
alten Birnbaum übrig geblieben war. 
Solch ein Obstgarten war das! 
Und wenn Jettchen bis an sein Ende schritt, dann 
kam sie an Hecke und Holzzaun, vor denen sich ein Sand— 
weg zog, mit tiefen, ausgefahrenen Gleisen, und drüben lag 
eine andere Welt: die gelben, feuchten Wiesen und die 
schwarzen, schwergrundigen Felder. Und sie zogen sich hin 
bis zur Spree, die träge in weiten Windungen zwischen 
Pappelzügen und kleinen Weidenketten, zwischen sumpfigen 
Niederungen und kleinen Wäldchen dahinglitt, bis sie hinten 
das Laubmeer des Schloßparkes und die breiten, alten 
Pappeln des anderen Ufers aufnahmen und den Blicken 
entrückte. 
Da, in diesem Garten, war Jettchen Alleinherrscherin. 
Dort konnte sie stundenlang auf den Wegen gehen oder 
in der Holzlaube sitzen, lesen, sticken, nichtstun und Lieder 
summen, — und nur, wenn ihr die Sonne aufs Buch 
schien, rückte sie etwas zur Seite. Jettchen wich den Men— 
schen nicht aus, aber sie brauchte sie nicht und befand sich 
ganz gut ohne sie. Hier war sie vollig ungestört von 
ihnen, ja selbst vor ihren Lauten sicher. Die Kinder spielten 
auf dem Hof, und das Buschwerk dämpfte und verschlang 
ihre Rufe. Frau Könnecke selbst aber betrat den Garten 
nur ganz früh am Morgen und am Spätnachmittag, um 
drin zu harken, zu jäten und zu gießen; ja, sie haßte den 
Garten, weil er ihr Arbeit machte, und für sie war ein 
blühender Kirschzweig durchaus keine Offenbarung der all—
	        
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