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Briefe

Full text: Felix Mendelssohn-Bartholdys Briefwechsel mit Legationsrat Karl Klingemann in London / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

SL 
Briefe, 
Klingemann an F. Mendelssohn. 
London, den ı2. Februar 1829. 
Allervortrefflichster Felix. 
Ich vergebe.Ihnen alles. das Unrecht was ich gegen Sie habe, von wegen des 
vergnüglichen Seitenstücks, des angenehmsten einseitigen Grusses, den die Gewässer 
ans Ufer spielen und das gute Glück mir in die Hände spielen konnte — o Sohn und 
Gönner, wenn wir .so nach und nach ganz Berlin und nette wohlbegabte Deutsche 
Landes- und. Stadtkinder hierher versetzen, wird es hier mit der Zeit leidlich und sogar 
göttlich! Ich werde kaum Ernst genug haben, wenn der neue Gentleman in mein 
Nest tritt und das Füllhorn‘ seiner Selbständigkeit über mich ausschüttet, und dann ist 
es doch so feierlich und schicksalsmässig, dass zwei Gesellen nicht mehr im Mendels- 
sohnschen Garten hinter zarten Kindern drein tapsen, sondern in Portland Place und 
Regent Street aufs Leben selber losgehen. Hätte man, wie es Schrittzähler gibt und 
Maschinen, die niederschreiben, was einer fantasiert, eine Maschine, die man an die 
Füsse schnallte, und die notierte, was man im Gehen denkt, und faselt, so lägen jetzt 
Bogen voll der abenteuerlichsten Vorschläge, Pläne und ein ganzes Kollegium von 
Räten und engländischen Lebens- und Sterbensregeln vor Ihnen, und Sie hätten blos 
das Aussuchen. Jetzt aber hab ich’s und dabei pflege ich meist das Beste zu ver- 
schweigen. 
Soweit mir erinnerlich, dass ich Ihnen raten wollte: 
ı, Ein acht Tage lang mit Ihrem Filzhut zu Bett zu gehen und zu schlafen, denn 
der Engländer nimmt’s sehr übel, wenn man zu höflich ist, und die deutschen Hände 
haben eine ganz verwünschte Tendenz.nach dem Hute, und selbst der gröbste Kritiker 
bei uns zu Lande reisst ihn noch eher herunter‘ wie einen guten Dichter. Ein Lon- 
doner Ladenmädchen, die ein Deutscher in Nahrung und somit in Respekt setzt, fasst 
es schwer, dass der Fremde sich nicht, und darum ‚an seinen Hut.fasst. Man gewöhne 
sich also beizeiten. . ; - 
2. Knock’en Sie um Himmelswillen nicht weniger denn. dreimal an meine und 
jedes anderen Londoner Insassen Haustür! Sie. können das möglicherweise aus meinen 
sonstigen Skripturen profitiert haben.. Goltermann’s blühender Hausbesen glaubt jedes- 
mal, wenn sie mir aufmacht;, ich. erröte, weil sie mich. etwas Weniges entzücke, und 
es war bloss die beschämende Erinnerung, dass ich bei meinem ersten Eintritt geknockt 
hatte wie ein Lakai, einmal .— BE „u: Pu win y 2 . 
3. Bestellen. Sie bei. Ihrem Abgange Birnen und Klösse, und essen Sie für mich 
mit, — hier gibt es keine nicht! — | . 
4. Lassen Sie sich, wenn es tunlich,. Ihren Backenbart wachsen. . 
5. Denken Sie sich, wenn Ihnen ein grüssendes Wesen, etwa der alte. Schlesinger, 
freundschaftlich die: Hand reicht, dasselbe .sei eine liebreizende. hiesige Miss; .die tun es 
gern, und. man. muss sich beizeiten verträut damit machen, sonst macht. es ‚durch 
10 Grade :der ‚Zartheit und Rücksicht‘ hinaufdestillierte.‘ Deutsche, ; wie. Sie und mich, 
perplex und befangen. . 
6: Nein! nackt und bar sagt kein sittsamer. Deutscher gern —. aber hier muss er 
sich. doch bequemen: No, :J. thank. you,; zu. sagen, wenn ‚er nicht mehr .mag, ‚#8 
- . "7.. Sein Sie.etwas musikalisch — man hat: es hier gern und sieht uns bekanntlich 
darauf und: dafür an. :‘.. . 5 . 
‚8: Stellen, Sie ‚sich an einem .der letzten .hellen. Frühlingstage in..den Garten, und 
ziehen Sie so viel von dem hellen Sonnenschein ‚und der. reinen .Luft..in. sich hinein, 
als Sie nur können — hier gibt’s keine nicht! a. 
Belohnte mich der Himmel und das Gouvernement nach Verdienst, so hätte ich 
ein Haus von den Hunderttausenden die-hier herumstehen, und darin ein Zimmer für 
meinen alten jungen Freund, — wenigstens zu Anfang — oder einen Tisch, worauf
	        
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