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Briefe

Full text: Felix Mendelssohn-Bartholdys Briefwechsel mit Legationsrat Karl Klingemann in London / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

Briefe. 
337 
Klingemann an Cecile Mendelssohn-Bartholdy. 
London, den 2. Dez. 1847. 
Wie lange wollte ich Ihnen nun schon wieder schreiben, aber allerlei kleines 
Unwohlsein, das mir eine Woche aus dem Leben gestrichen, nahm mir den Mut. Jetzt 
ist es wieder besser, und heute, wo ich still, meine treue Genossin zur Seite, meinen 
Geburtstag halte, weiss ich ihn zur Feier nicht besser zu beschliessen als dass ich 
Ihnen sage, wie heute mein erster Gedanke Felix war, und wie ich immer und immer 
wieder seiner habe gedenken müssen. Nicht grade heute, und weil heute, — es geht 
ja jeden Tag so, — aber die Gedanken wurden so lebendig, als müsste man ihn reden 
hören. Diese liebe Stimme, diese herzlichen Reden, so viel innigstes Leben, wer kann 
das je vergessen! Mir ist es jetzt ein Wunder, dass ein solcher Reichtum mein ge- 
wesen ist, ich fühle recht in tiefster Demut, wie unverdient es war, und wie wenig 
ich Ihm habe sein und geben können für alle die Fülle des Besten und Schönsten, das 
er über mein vergangenes Leben ausgestreut hat, — aber dem gütigen Himmel danke 
ich fort und fort, der mir so reichen Segen verliehen hat, ich nehme es wie meinen 
besten Reichtum mit hinein in meine alten Tage, und will mich immer und immer 
wieder daran erquicken! 
Ich glaube, ich bin darin in ganz gleicher Stimmung mit Ihnen, — Sie haben sich 
dem Gefühl des Verlustes ganz hingegeben und pflegen das Gedächtnis des Hinge- 
yangenen dadurch, dass Sie sich mit vollster Liebe Alles, Grosses und Kleines, zurück- 
rufen, was nur von ihm redet, — so möchte ich’s auch haben, und jede Spur, jedes 
Zeichen von ihm aufsammeln und festhalten. Es ist solch ein Trost, solch eine Stärkung, 
recht an ihn zu denken, alle seine Herrlichkeit und reine Lauterkeit so recht vor Augen 
zu haben, — mich an seiner Musik zu trösten, dazu komme ich erst später, aber immer 
erbaue ich mich an der Verklärung, in der aller Frühling und alle Jugend, die ganze 
Vergangenheit nur ihm angehört und mit ihm abgeschlossen hat. 
© 
Lieber Herr Klingemann! 
Ich muss durchaus endlich anfangen, Ihnen zu schreiben und zu danken für 
Ihren guten, ausführlichen Brief. Das Schreiben wird mir zwar noch sehr schwer, 
denn ich bin recht krank gewesen, und fange nur langsam wieder an, mich zu be- 
schäftigen. Da sind dann die Briefe zu einem schrecklichen Stoss herangewachsen, 
aber ich kann nur hin und wieder einen aussuchen, den ich gerne und mit der Über- 
zeugung beantworte, dass man einige Nachsicht mit meinen schwachen Kräften hat. 
— Die letzte Zeit, mit all den Fest- und Erinnerungstagen, hat mich, eine halb Kranke, 
wieder recht zusammengerüttelt, nicht dass nicht ein Tag wie der andere mit dem 
Erwachen auch denselben Schmerz wiederbrächte, aber der Gegensatz der festlichen 
Zurüstungen, der Jubel der vergesslichen Kinder, mit dem herzzerreissenden Jammer, 
will gar nicht zusammenpassen. — Und doch konnte es mir nicht einfallen, solche 
Tage den Kindern wegzustreichen. Felix hatte eine zu grosse Verehrung dafür. So 
sind sie denn auch vorübergegangen die Tage, wo ich gewohnt war. ihn mit den 
Kindern ein Kind werden zu sehen, 
Ich hoffe, das neue Jahr hat Sie mit Ihrer lieben Frau wohl und gesund getroffen, 
ich lege auf die Gesundheit einen grossen Wert und es ist der einzige Wunsch, der 
jetzt recht lebhaft in mir ist, dass ich nicht durch körperlichen Schmerz meinen 
reistigen schärfer empfinde. Wünschen Sie mir bald völlige Genesung, lieber Herr 
Januar 1848.
	        
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