Ich bemerke hier, daß ich die großen Verdienste Fischers um die
deutsche, die märkische Turnsache, z. T. auch um die Reform, nicht ver—
kleinern möchte. Er war ein treuer Arbeiter, ein höchst ehrenwerter und
besonders in dem Turnwesen seines Wohnortes Potsdam und der havel—
ländischen Umgebung desselben bestens bewährter Führer. Aber — schlag—
fertig war er nicht. Er arbeitete gediegen, gründlich, aber langsam; auch
im Notfall einmal schnell, stürmisch, mit Dampf vorzugehen, war seine
Sache nicht.
Nachdem er seine Rede geschlossen, fing der umfassende
Meinungsaustansch auf dem Turntag eigentlich erst au. Verf. dieses
wagte es, vor die Bresche zu treten, und der Erfolg war der Beschluß, das
Material einer Kommission zu übergeben, in die u. a. Reyer, Fischer, meine
Wenigkeit und Götz gewählt wurden.
Cetzterer war damals Geschäftsführer des Ausschusses der deutschen
Turnerschaft unter Georgii als Vorsitzendem. Diese beiden fühlten eigentlich
das Bedürfnis der Reform nicht. Es war 15 Jahre im losen, auf das
Notwendigste sich beschränkenden Verbande mit einigen hergebrachten
Formen leidlich, z. T. gut gegangen; wozu das Eifern gegen das Be—
stehende!
Es ist die alte Geschichte! Verf. dieses hat in jenem Jahre 1875/76
außer dieser Reformsache noch zwei (oder drei — vergl. u.) durchgefochten (in
der Reorganisation der deutschen Turnlehrertage, in der des Berliner Turn—
lehrer⸗Vereins und des Turnrats) und auch sonst in diesem Fache Er—
fahrungen gesammelt: Es waren immer wosentlich die gleichen Erscheinungen
zu erkennen. Es reagiert der Konservatismus, der nicht nur eine
Eigenart der nach ihm benannten politischen Partei ist — er steckt in jedem
Menschen, als ein Element seines Wesens, ebenso wie freilich auch der
Oppositionsgeist! Und — ich lasse beiden ihr volles Recht. Es muß immer
für den wahren, zu verwirklichende Fortschritt die Diagonale der Richtungen,
die Resultante konstruiert, gefunden werden. — In einer etwa 9stündigen
Sitzung arbeitete die Kommission ihr Pensum durch! Die Reformer
kämpften unverdrossen. Costantino meinte am Schluß zu mir, es wäre von
unserer Seite der Sieg im wesentlichen durch Ermüdung der Gegner bei
eigener Unermüdlichkeit erfochten worden; jedenfalls wurde unser Kampf
nicht matt, wir waren bis zuletzt „toujours en vedette“, und die Baupt—
punkte wurden wirklich durchgesetzt.
Und als am folgenden Morgen die Abgeordneten, die während
unserer saneren Arbeit zum großen Teil auf der Dresdener Vogelwiese sich
vergnügt hatten, sich versammelten, da ging es wohl wie ein Lauffeuer
durch ihre Reihen: „ein Reformentwurf, dem auch Götz und die Seinigen
zugestimmt haben, ist fertig gestellt“. Damit war die Schlacht ge—
wonnen. Jener ging glänzend durch, und im wesentlichen gilt er noch
heute. Auf dem nächsten deutschen Turntag zu Berlin wurde das Werk
durch die Wetturnordnung weiter geführt. In der Kommission saß wieder —
dieses Mal auf Vorschlag Georgiis! — der ATVHer. Der einst so miß—