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die sogenannten „Gebildeten“ eigene Vereine bilden.“ Noch einmal sei an
die „akademischen Turner“ Gottfried Kinkel und Karl Schurz erinnert,
denen niemand aristokratische Vorurteile beimessen wird.
Reden möge die ganze Geschichte der akademischen Vereine.
Wir meinen, daß es noch nie auf deutschen Universitäten Gemein—
schaften gegeben hat, welche so praktisch und verhältnismäßig so wirksam
vorgegangen sind gegen die Abgeschlossenheit der akademischen Jugend
gegenüber dem Volke. Man zeige uns eine Gemeinschaft, geachtet in der
Studentenschaft und doch dabei in lebendigen Beziehungen zu wichtigen
Kreisen des Volks. Weder die Gesangvereine und Liedertafeln, noch die
einst auch in Turnerkreisen so gepriesenen Burschenschaften haben Ähnliches
aufzuweisen. Nirgends gibt es so viele Mitglieder, welche ihrem Vereine
eine solche Kenntnis der verschiedensten Kreise des Volkes verdanken! Darum
gerade sprechen wir von „‚rein theoretischen“ Angriffen: Man will Gemein—⸗
schaften, die doch unzweifelhaft etwas geleistet haben, zertrümmern, ehe
man die Möglichkeit anderer Mittel und Wege tatsächlich erhärtet hat, wie
man es doch an den vielen Universitäten, welche akademischer Vereine ent⸗
behren, hätte tun können. Darum machen wir den Urhebern solcher An⸗
sichten einen Vorwurf, ohne uns indes zu sehr zu verwundern. Denn der
Schein ist gegen uns. Und fern von uns sei Selbstlob oder Selbstüber—
schätzung. Wir mögen ja oft unsere Schuldigkeit nicht ganz erfüllt haben.
Aber der Wille war gut. Wir haben uns viele Aufgaben und große SFiele
gesetzt. Da sind wir in der Verwirklichung wohl einmal zurückgeblieben.
Aber wir haben das Bewußtsein, aufrichtig Gutes erstrebt zu haben. Wir
beklagen es daher, daß auch Näherstehende so bereit sind, nur das Schlechte
und Unvollkommene zu sehen. Nur zu gut wissen wir, daß der Schaden
ein gegenseitiger ist. Wäre es denn gar nicht zu erreichen, daß wir auch
eine fremde Ueberzeugung achten ) Können wir uns nie entschließen, eine
abweichende Ansicht ohne Spott und Hohn gelten zu lassen, auch wenn sie
uns nicht überzeugt“ — Sehr recht hat der Verfasser, wenn er erklärt, daß
eine Gemeinschaft, wie z. B. die unsrige in Berlin, die seit der Siiftung
fast 1200 Mitglieder aufgenommen hat, von denen viele, auch wenn sie
durch Ozeane von uns getrennt sind, noch mit Liebe am Vereine und unserer
Sache hängen, schwerlich durch seinen Artikel sich bewogen finden wird,
sich aufzulösen! Das Beispiel von Halle und anderen Orten wird uns
davor bewahren! Bedenken aber sollte Herr Giese, daß sein Verein und
der unsrige dem Turnrat und der märkischen und deutschen Curnerschaft
in gleicher Weise angehören. Es wäre nicht unbillig zu erwarten, daß das
Bewußtsein: „wir sind verbündet gegen die Wiedersacher der Turnerei,“
zum Schweigen brächte das Verlangen, die Unterschiede allein zu betonen
oder gar Drohungen, wie die am Ende des Artikels ausgestoßenen, zu ver—
wirklichen. Es ist leider schon viel Kraft nutzlos im Kampf der Turner
unter einander vergeudet worden. Wir wollen sie lieber zur Verteidigung
der gemeinsamen Sache verbrauchen. Heut, wo der Höhepunkt der Turnerei
schon hinter uns zu liegen scheint, und wo so manche Ideale geschwunden