„Gefühls⸗
bücher⸗“
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folgte, womit sie bis in ihre alten Tage das ganze Landgrafentum
Homburg und Umgegend in allen daraus hervorgehenden Hofdamen
unglücklich gemacht haben, ohne darum wohl leichtere Seiten des
Lebens zu verschmähen. Von allem war die Schwester die Ver—
traute und dadurch gewöhnt, Dinge zu vereinen, die immer unver⸗
einbar bleiben sollten, oder wenigstens nicht für alle Gemüter passen.
Von den vielen Schwestern) der Prinzeß hatten die meisten eine
Richtung auf das Epluchieren) oder Zerfasern der Gedanken und
Gefühle genommen, bei der späteren Erbgroßherzogin von
Mecklenburg EStiefmutter der Herzogin von Orleans) mit einer
religiösen Nichtung verbunden, und beides konnte man in der Prin⸗
zessin vereinigt wiederfinden. Ich möchte glauben, daß von ihr zu—
erft jene Umwandlung gewöhnlicher Tagebücher, die unbeschäftigte
junge Mädchen wohl jederzeit führten, in „Gefühlsbücher“ aus⸗
ging, in denen man sich gewöhnte, jeden Eindruck, jeden Gedanken
niederzuschreiben, sich vielleicht manches damit klar machte und
sein Inneres entwickelte, aber auch dazu beitrug, die wechselnden
Gefühle zum Lebensgegenstand zu machen. Sie kamen sehr en
rogue, und mir ist manches Unheil bekannt, das aus ihnen hervor⸗
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Die religiöse Nichtung der Prinzessin war eine mystische und
sehr feste; sie lockte sie oft zu sonderbaren Predigern und führte
sie zur Beschäftigung mit kleinen äußeren Emblemen wie Kränzen,
Kreuzen, Bildern, und bis auf Stickmuster konnte sich ein gewisses
Suchen nach Bedeutungen erstrecken. Später wurde die Prinzeß,
die einflußreichste Förderin der pietistischen Richtung und die Be—
schützerin ihrer Träger.
Ihre Popularität., wie man jetzt sagen würde, war außer—
1) Karoline, geb. 1771, vermählt mit dem Fürsten von Schwarzburg-
Rudolstadt; Luise, geb. 1772, vermählt mit dem Prinzen Karl Günther von
Schwarzburg⸗Rudolstadt; Amalie, geb. 1774, vermählt mit dem Erbprinzen
von Anhalt ˖ Dessau; Auguste, geb. 1776, 1818 vermählt mit dem Erbgroß-⸗
herzog Friedrich Ludwig (gest. 1819) von Mecklenburg ⸗Schwerin. Prinzessin
Wilhelm von Preußen war die jüngste Schwester.
2) éplucher säubern, auslesen, genau untersuchen.
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