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Einundzwanzigstes Kapitel. Tunnel und Ellora

Full text: Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen / Lazarus, Moritz (Public Domain)

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übernahm die übliche Einführung und teilte ihm seine am 5. April 
1857 als Leibnitz erfolgte Aufnahme mit. Im Dezember feierte 
der Tunnel sein 30. Stiftungsfest, das durch ein launig-allegorisches 
Bild für die Mitglieder ausgezeichnet wurde. Dasselbe zeigt in 
seiner unteren Hälfte das alltägliche Treiben vor der Tunnelhöhle: 
den kleinen Merckel, den schlanken Fontane, den gravitätischen 
Kugler; Scherenberg im malerischen Faltenwurf trägt ein dickes 
Manufkript im Arm, auf dem „Waterloo“ prangt, waͤhrend Heinrich 
Smidt so recht breitbeinig-behaglich für sich allein dasteht, mit dem 
Modell eines Schiffes im Arm. Friedrich Eggers und Geibel steigen 
eben den Berg zu den schier unerreichbar hoch thronenden Musen 
hinan. Links aber hat der entsetzt sich bäumende Pegasus an— 
gesichts des Schalks mit der Schellenmütze schon etliche Dichterlinge 
abgeschüttelt, während einer sich auf ihm behauptet und triumphierend 
sein Zeugnis „sehr gut“ in der Luft schwenkt. Rechts steht die 
Venus von Milo. Originell hat der Künstler — wahrscheinlich Blom— 
berg — die Arme ergänzt: sie wetzt das kritische Mordinstrument. 
Beide: Pegasus und die kritische Venus sollten schließlich Recht 
behalten. Nach Eggers' Tode ging es rapid abwärts. Die Schwingen 
des Humors erlahmten, die Gewohnheit stumpfte ab, das Interesse 
verflachte. Die talentvollsten Mitglieder starben hin oder wurden 
immer mehr durch ihren bürgerlichen Beruf in Anspruch genommen 
und fielen ab. Als das fünfzigjährige Stiftungsfest am 3. Dezember 
1877 mit allem Glanz gefeiert wurde, befürchtete man bereits, der 
Tunnel werde es nicht lange überleben; man erwog, ob man nicht 
wohl daran tue, seine Auflösung zu beschließen. Aber die wenigen 
Tunnelgenossen, welche den fast erlöschenden Funken noch bewachten, 
blieben um so inniger verbunden und halfen dem alternden Ge— 
sellen immer wieder auf die Beine, obwohl er oft in Gefahr war, 
obdachlos zu werden, bis der tapfere Lichtwer — Hofphotograph 
Roloff — ihm in seiner eigenen Wohnung (Taubenstraße 20) 
eine Heimstätte bereitete. Hier fristete er in einer Art Welt— 
abgeschiedenheit noch eine Weile ein bescheidenes Dasein. Ende 
1881 schreibt Fontane an Lazarus:
	        
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