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Sechzehntes Kapitel. Gerhartdenkmal

Full text: Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen / Lazarus, Moritz (Public Domain)

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soll hier zu seiner Charakteristik dienen. Anfang der fünfziger 
Jahre war er Besitzer eines großen Gartengrundstückes in der 
Nähe von Halle. Ringsum waren Trauben gezogen. Als wir 
nun den Segen eines heißen Sommers — etwa Ende August — 
betrachteten, erklärte er, diesmal die herrliche Traubenfülle keltern 
zu wollen. Als ich ihn nun im Spaͤtherbst fragte, wie denn sein 
Wein geraten sei, beichtete er verschäänt, er habe doch darauf 
verzichtet, die Trauben nutzbringend zu verwerten, und lieber seinen 
Jungens die Erlaubnis gegeben, ihre sämtlichen Schulkameraden 
auf einen Tag einzuladen zu einer großen Traubenplünderung. 
So habe sich denn die ganze Schar jauchzend und schmatzend über 
seine Reben hergemacht: 
„Denn weißt du, in späteren Jahren erinnern sich alle diese 
Buben, wenn sie zu Maͤnnern geworden, dieses Tages, und dann 
heißt es: „Das war mal ein Weinjahr! Wißt Ihr noch, wie unser 
Gymnasium Allihns Trauben geplündert hat?“ 
Die Duzbruderschaft entstand zwischen uns ganz anders als 
bei anderen Leuten. Er liebte mich von Anfang an als Herbartianer 
und dankte es mir später, daß ich die Herbartsche Philosophie in 
Berlin vertrat. Es war so recht eigentlich die Geistesverwandtschaft 
und sein unbegrenzter Eifer für seinen Meister, was dem Gesinnungs— 
genossen das brüderliche „Du“ eintrug. — Als er später die 
Herbartsche Schule durch die Herausgabe der „Zeitschrift für exakte 
Philosophie“ (im Verein mit Ziller) sehr energisch vertrat, wurde 
das geistige Band zwischen uns noch fester geknüpft. Aber auch 
auf anderen Gebieten ließ er seiner belehrenden Kritik den freiesten 
Lauf. Ich bewahre noch einen eng beschriebenen Großquartbrief 
von ihm auf, der mein 1850 erschienenes Buch über „Die sitt— 
liche Berechtigung Preußens in Deutschland“ einer eingehenden, 
zum Teil scharfen Kritik unterzieht. Seine Liebe zu mir und 
seine Güte leuchtet in jeder Zeile, und dennoch ließ ich keine neue 
Auflage drucken.“ 
Tatsächlich hat Allihn in dem gedachten Briefe vom Oktober 
1851 Lazarus zu einer solchen ermuntert. Nach einer Reihe
	        
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