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Fünfzehntes Kapitel. Das kleine Diner als Kulturelement

Full text: Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen / Lazarus, Moritz (Public Domain)

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Und so zog sie die Gardine ganz hinauf und ruckweise wieder 
herab, bis der richtige Beleuchtungseffekt erzielt war. Das Bild 
machte in der Tat den Eindruck eines Werkes von Meisterhand 
oder aus der Schule eines Meisters. Mehr noch als dieser Spinoza 
entzückte mich die holde Ungezwungenheit der hohen Frau, die mit 
mir umging, als wäre ich ihresgleichen. Freilich, es muß den 
Hochgestellten zuweilen wie eine Oase in ihrer Hofetikettenwüste 
erscheinen, einmal mit einem Menschen anderer Art natürlich reden 
zu können.“ 
„Und wie war's am Mittwoch?“ 
„Es war ein ideales ‚kleines Diner‘.“ Es wurde abwechselnd 
deutsch, franzoöͤsisch und englisch gesprochen, wohl in Rücksicht auf 
uns drei Gäste: Lord Clarendon aus London, Julius von Mohl 
aus Paris und ich. Die Unterhaltung war äußerst angeregt und 
anregend und setzte sich nach dem Diner in zwangloser Weise fort. 
Die Königin hatte später auf einem Sofa Platz genommen, Mohl 
ihr gegenüber auf einem Taburett; dasselbe war ringsum mit 
Fransen besetzt. Mohl, lebhaft konversierend, spielte fortwährend 
mit diesen Fransen und flocht kunstgerechte Zöpfchen daraus, bis 
die Königin als gute Hausfrau sanft warnte: „Mohl! Sie ruinieren 
mir ja die Möbel!“ Diesen gemütlich bürgerlichen Ton behielt 
sie bei, und als Lord Clarendon und Mohl sich in ein Gespräch 
vertieften, winkte sie mich an sich heran, auf einen Sessel dicht 
neben sich, und befragte mich, ob ich denn schon etwas von der 
holländischen Sprache kennen gelernt hätte. Als ich es bejahte und 
ihr berichtete, daß ich bereits am ersten Tage mit der Erlernung 
der Grammatik begonnen — beiläufig gesagt, „naar dem Hoog— 
dütschen van Proffessor Heyse“ —, da unterbrach sie mich mit einem 
gespannten: „Nun?“ 
„Nun — in wenigen Tagen war ich soweit, daß ich fast 
ohne Lexikon die holländischen Zeitungen lesen konnte.“ 
Sie schlug die Hände zusammen: „Wirklich? Wie lange sind 
Sie denn schon hier?“ 
„Noch nicht drei Wochen.“
	        
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