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Zehntes Kapitel. Paris

Full text: Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen / Lazarus, Moritz (Public Domain)

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er den höchsten Grad erregter, liebereicher Sorge kennzeichnen will, 
von Gott aussagt, daß, wie eine Mutter den Sohn tröstet, also 
er sein Volk trösten werde.“) Ich führte aus, daß dieses Ver— 
haältnis auch einen unübertrefflichen Gradmesser für die Kultur 
gebe. Eigentümlich sei es, daß hier die niedrigste Kultur mit der 
höchften harmoniere: auf dem niedrigsten Kulturstande, wo der 
Mann raubend, jagend, fischend tagsüber in der wilden Natur 
umherstreife, liege in der Hand der Mutter die alleinige Fürsorge 
für die Erziehung, wenn auch diese vielleicht oft nur in einer 
unbewußten Bändigung und Sänftigung der rauhen Söhne be— 
standen haben mag. Ebenso auf der höchsten Kulturstufe; hier da— 
gegen sei der Mensch durch Berufspflichten und politische und öffent— 
liche Tätigkeit gefesselt und die Frau wiederum die intellektuelle 
Vertraute und dadurch die unmerkliche Leiterin des heranwachsenden 
Geschlechts. Heil dem Volke, dessen Mütter das Bewußtsein ihrer 
Verantwortlichkeit haben, wehe dem Volke, dessen Frauen nicht 
mehr Mütter sein wollen! ... 
Taine fühlte die Anspielung auf seine eigene Nation. In 
tiefer Bewegung schlug er beide Hände vor das Gesicht. Das 
Gespräch führte uns dann noch von den Höhen hinab in weite 
Niederungen menschheitlicher Entwicklung; es war längst Mitter— 
nacht vorüber, als wir uns trennten. 
Nach dem großen Kriege habe ich mit Taine nicht mehr ver— 
kehrt; er konnte sich dem Chauvinismus nicht entziehen, der im 
Nichtvergessen und Nichtverzeihenkönnen eine Ehrenpflicht sieht. 
Auch Professor Erdmann (Goalle) hatte mir mitgeteilt, daß Taine, 
mit dem er früher viel und freundschaftlich verkehrte, sich bei einem 
Besuche Erdmanns in Paris nach dem Kriege durchaus abweisend 
benommen habe. Ich vermied es, dieselbe schmerzliche Erfahrung 
zu machen. — Schade! Schade! 
Nun — andere sind dafür unbefangener gewesen: Renan 
z. B., der mich in besonderem Maße interessierte, seit ich sein 
*) Jesaias, 66. 13.
	        
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