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Neuntes Kapitel. Kulturgeschichtliches

Full text: Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen / Lazarus, Moritz (Public Domain)

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basta. Der dritte Band ist so recht für mich geschrieben: das 
sind Probleme, die vor vielen anderen mir durch den Kopf gegangen 
sind und denen gegenüber ich oft den Mangel, welchen Sie nun 
so reichlich ergänzen, den Mangel methodischer Forschung, ergänzen. 
Die Analyse des Taktes, Ursprung der Sitte und namentlich die 
Psychologie der Kunsteindrücke uswp., — das sind so Themata, von 
denen zu hoͤren ich nicht leicht ermide. Im vorigen Jahre habe 
ich in einem hiesigen Vereine einen Vortrag über „Höflichkeit“ 
gehalten, mit allerlei Theoremen, wie sie ein Dilettant zusammen—⸗ 
zimmern mag, über die Ursprünge und Entfaltungen des Höflich— 
keitsgefühls und der Höflichkeitsformen, und Sie können sich denken, 
wie es mich erfreut hat, beim Lesen Ihres Buches zu sehen, daß 
ich „in meinem dunklen Drange“, wenn auch nicht den rechten 
Weg, doch so ungefähr die richtige Himmelsgegend gefunden hatte. 
Ab und an stieß ich mit besonderem Vergnügen auf illustrierendes 
Detail, das auch mir gedient hatte.. . Daß Sie in einer Note 
(S. 149) gelegentlich mich mit Heyse und Geibel interpelliert haben, 
wurde natürlich als besondere Auszeichnung empfunden. Das be— 
treffende Problem verdient wohl Beobachtung und Nachdenken, 
aber es ist freilich ein gar flüchtiges und rätselhaftes Wesen, mit 
dem der Beobachter es da zu tun hat, flatterhafter als der 
Schmetterling, den man doch erst aufspießt, ehe man ihn unter⸗ 
sucht. Ich meine, daß das künstlerische übers etzen im wesent— 
lichen dem poetischen Prozesse gleicht, insofern auch bei diesem die 
Gedanken ein Stadium durchlaufen, währenddessen sie noch nicht 
das Wort angetan haben. Was dem Poeten der zur sprachlichen 
Schöpfung treibende, nach Form ringende Stoff (im weitesten 
Sinne) ist, das ist dem Übersetzer der Eindruck, welchen er von 
einem fremdländischen Poem empfangen hat, und den er nun in 
der ihm, dem Übersetzer, natürlichen Sprache wiederaus zudrücken 
sucht. Gute Übersetzungen, glaube ich, sind ebenso wie gute Ge— 
dichte die Frucht eines inneren Zwanges und Dranges, der dem 
Menschen keine Ruhe läßt, bis es ihm gelungen ist, das rechte 
Wort zu finden für das, was er auf dem Herzen hat. Natürlich
	        
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