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Erste Abteilung. Leben IV. Kapitel. Breslau 1840-1844

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

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I. Biographie. 
geordneten Berlins „Ich hange nicht dem Vorurteil vergangener Jahrhunderte 
an‘, und an die jüdischen Stadträte und Stadtverordneten Breslaus „Tretet 
auch zu mir heran, die ihr meine Untertanen zu vertreten berufen seid, Euer 
Glaube soll Euch das Recht nicht verkümmern‘‘, und gibt den Zukunftser- 
wartungen begeisterten Ausdruck in den Worten: „Darum jubeln wir bei seinem 
Heile, den Namen unseres Gottes werden wir als Fahne vorantragen. Möge 
der Herr all sein Begehr erfüllen! Ja, nun weiß ich, daß der Herr seinem Ge- 
salbten hilft, ihn erhört aus heiliger Höhe, mit seiner rechten Heileskraft.“ 
Daß auch die Reden der nachfolgenden Zeit, von denen freilich keine ge- 
druckt worden ist, mächtigen, faszinierenden Eindruck hervorriefen, ist be- 
kannt; ein merkwürdiges Zeugnis, welches Aufsehen sie auch in nicht-jüdischen 
Kreisen machten, hat sich erhalten. 
In einem ausführlichen Artikel der Breslauer Zeitung vom 27. Oktober 
1841 würdigte ein katholischer Kaplan Lang eine von ihm gehörte Rede. Er 
verglich Geiger mit den alten Kirchenvätern und seine Reden mit den alten 
Homilien, pries die Gelehrsamkeit, die Beredsamkeit, die harmonische Ver- 
mischung des Erbaulichen und Belehrenden, der allgemein religiösen und 
praktischen Tendenz und konstatierte den tiefen Eindruck, den diese Predigt 
und der ganze Gottesdienst auf ihn gemacht hatte. 
Wenige Monate nach dem Antritt seines neuen Amtes führte Geiger end- 
lich seine Braut heim (1. Juli 1840). Die Hochzeit fand in Frankfurt statt, 
wo noch das Guttenberg- und das Rießerfest mitgefeiert und im Auftrage des 
Vorstandes eine Predigt gehalten wurde, die große Begeisterung hervorrief; 
die Rückreise durch die Rheingegend über Berlin war an manchen Orten 
einem Triumphzuge nicht unähnlich. Auch der Empfang in Breslau (16. Juli) 
legte Zeugnis ab von der innigen Verbindung zwischen den Mitgliedern der 
Breslauer Gemeinde und ihrem Rabbiner. 
Diese Gemeinschaft wurde noch verstärkt durch die Herrschaft, welche 
Emilie Geiger durch die gewinnende Anmut, die erquickende Freundlichkeit 
ihres Wesens über alle Herzen gewann. Sie war keineswegs gelehrt, aber sie 
besaß geistige Regsamkeit, Aufnahmefähigkeit und die Gabe sich weiter zu 
bilden. Sinnige Verse, wie Leopold Schefers Laienbrevier bildeten ihre Lieb- 
lingslektüre. Den wissenschaftlichen Forschungen ihres Gatten vermochte sie 
nicht zu folgen und war vielleicht auch nicht immer geneigt, sein stürmisches 
Vorwärtsschreiten mit vollem Einverständnis mitzumachen, aber sie billigte 
in weiblicher Hingebung, was er tat. Sie sonnte sich an seinem Ruhme, sie war 
stolz auf ihren Geiger, wie sie ihn stets nannte. Sie war eine jener anschmiegen- 
den Naturen, wie sie dem kräftigen Mann so wohltuend und stärkend sind. 
Sie war eine vortreffliche Hausfrau, die mit Ruhe und Sicherheit selbst in 
kleinen Verhältnissen im Hause waltete und in ihren Räumen und überall, 
wohin sie kam, den Zauber der Weiblichkeit entfaltete. Mit feinem Takt, jener 
unschätzbaren Gabe des Herzens, wußte sie in allen Kreisen sich zurechtzufinden, 
durch ihre Güte und das harmonische Gleichmaß ihres Wesens die Herzen zu 
gewinnen. Ihre Lieblichkeit und Anmut, auch durch die Jahre nicht zerstört, 
ihre stete Heiterkeit. auch durch schweres Leiden nicht getrübt, verbreitete
	        
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