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Erste Abteilung. Leben III. Kapitel. 1838-1840

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

3. Kapitel. Beginn des Widerstandes der Orthodoxen. 57 
ehe er nicht eine offizielle Mitteilung des Wiesbadener Vorstandes erhalten habe. 
Solche Vorsicht übte der Redakteur gegenüber der Entlastung eines Gesinnungs- 
genossen, während er die Beschuldigung ohne weiteres aufgenommen hatte, 
Dem kurzen Artikel des Herausgebers folgte ein geharnischter Brief Gabriel 
Riessers, der die ganze Anklage Geigers als durchaus lügenhaft bezeichnete und 
auch von seiner einstimmigen Wahl in Breslau sprach. Erst am 11. Oktober 
wurde das vom 27. August datierte Schreiben des Wiesbadener Vorstands von 
der „A. Z. d. J.“ gebracht, und erst am 11. Dezember der Anfang einer begeisterten 
Besprechung des gottesdienstlichen Vortrags aus der Feder von M. Hess. 
Nach dem glänzendem, ihm von seinen Anhängern gegebenen Fest begab 
sich Geiger alsbald nach Bielefeld, wo seine Braut bei ihrer dort verheirateten 
Schwester Franziska weilte. Dann kehrte er für einige Zeit nach seiner Heimat 
zurück, suchte aber schon im September Berlin auf, wo er zur Betreibung 
seiner Angelegenheiten fünf Vierteljahre zubringen mußte ?). 
Unmittelbar, nämlich nach der mit so großem Erfolg gehaltenen Predigt 
wandten sich die Orthodoxen, als deren Wortführer die Herren Löwenstein, 
Samosch, Cassierer und Davidson erscheinen, an den Breslauer Polizeipräsi- 
denten und gleichzeitig an die Breslauer Regierung. Jener wies sie in einem 
Bescheide vom 31. August 1838 ab, indem er besonders die von den Anklägern 
hervorgehobenen Punkte: die Sprache des Redners sei deutsch, nicht jüdisch- 
deutsch gewesen, er habe während des Gebetes die Hände flach gefaltet und 
den Blick nach oben gerichtet gehabt, sein Rock sei von schwarzem Sammt 
zewesen, am Halse habe er zwei weiße Leinwandläppchen getragen, als unbe- 
deutend erklärte. Auch die Breslauer Regierung erwiderte (27. Oktober) auf 
eine von den Petenten am 28, August 1838 eingereichte Bittschrift: „daß der 
Keim künftiger Zerwürlnisse nicht gelegt und gepflegt werde‘, daß sie mit der 
durch den Polizeipräsidenten erfolgten Abweisung einverstanden sei. 
Schon bevor dieser Bescheid erfolgte, waren die Orthodoxen an die höch- 
sten Behörden des Staates gegangen. 
Bei dieser Wendung an die Minister handelte es sich nicht mehr um die eine 
Predigt, sondern darum, die Bemühungen zu durchkreuzen, die darauf gerichtet 
waren, Geiger das preußische Staatsbürgerrecht zu gewähren, das die Voraus- 
setzung seiner Stellung bildete. Bereits am 14. August richteten Löwenstein 
1) Die meisten der folgenden Aktenstücke und einige wenige früher benutzten sind, 
WO nicht anderes bemerktist, dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin sowie dem 
Archiv des Kultusministeriums „acta, Judensachen, Breslau Nr. 2 Vol. II bis VI“, endlich 
lem Archiv des Ministeriums des Innern „ad Vol. I Judensachen, Stadt Breslau 32 fg.“ ent- 
nommen. Im Geheimen Staatsarchiv findet sich sehr wenig, das meiste im Kultusministerium. 
Da die beiden Minister, der des Innern und des Kultus, meist zusammen entschieden, infolge- 
dessen sich gegenseitig die Abschriften und die Aktenstücke im Original zuschickten, so kommt 
°s sehr häufig vor, daß die für das eine Ministerium bestimmten Sachen sich im Original oder 
in Abschriften in denen des andern befinden. Ich statte auch an dieser Stelle den hohen Be- 
hörden meinen ergebensten Dank für die Erlaubnis aus, die Akten benutzen zu dürfen. Ein- 
zelnes wenige, was in die damals gedruckten Streitschriften übergegangen ist, wird hier nicht 
besonders aufgeführt; die Quellen dieser Darstellung sind ausschließlich die vor mir noch nie- 
mals benutzten Akten.
	        
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