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Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

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I. Lebenswerk. 
doppelt vorkommende ähnliche Ereignisse als bloß zweifache Erzählung eines 
und desselben Vorfalles betrachtet, so z. B. das Hervorsprudeln von Wasser 
durch das Schlagen des Felsens, das sowohl Ex. 17,6 als auch Num. 20,11 
erzählt wird. 
Eine gewisse Neigung zur Apologie und philosophierenden Exegese finden 
wir bei ihm häufiger als bei seinen Vorgängern. So sucht er die Handlungen 
der Erzväter zu verteidigen und tut es ganz besonders (zu Gen. 30, 32) bei der 
Erzählung von der Hervorrufugung bunter Schafe durch die von Jakob ange- 
wandte künstlichen Mittel. Wunderbares sucht er möglichst zu beschränken oder 
dem natürlichen Gange anzunähern, so bei der Erklärung der Umwandlung 
der Frau von Lot in eine Salzsäule (zu Gen. 19, 26), oder des Traumes Jakobs 
(ib. 28, 12) usw. Sein Bestreben, Anthropomorphismen zu beseitigen, zeigt 
sich ganz besonders in der Erklärung zu Gen. 1, 26, wo die Worte: „Gott schuf 
den Menschen in seinem Abbilde!)‘“ u. a. bedeuten sollen, daß der Mensch Furcht 
einflöße wie Gott, eine Erklärung, die sich auch bei Saadja findet und die Bechor 
Schor; Geiger vielleicht als die des Gaon gekannt hat (andere ähnliche 
Erklärungen zu Gen. 6, 6, 22,12 usw.). Gründe der Gesetze hat auch Bechor 
Schor; so sucht er z. B. das Wesen der Opfer rationell zu begründen (so 
Ex. 30, 1). Sonst aber läßt er sich weder durch hergebrachte Meinungen noch 
durch dogmatische Rücksichten vom einfachen Bibelsinn ablenken und ist 
dem Derasch noch mehr abhold als seine Vorgänger. 
Grammatisches findet sich bei Bechor Schor nur in den seltensten Fällen. 
Die Ursache davon ist nach Geiger die, daß ihm bereits das im Jahre 1160 
verfaßte Lexikon des Salomo Parchon vorgelegen hat, und er also das Gram- 
matische als erledigt betrachtete, weswegen er sich lediglich auf die Er- 
örterung des Zusammenhanges und des Inhaltes zu beschränken wünschte, Die 
Schriften Ibn Esras, des Lehrers Parchons, dagegen blieben ihm unbekannt, 
und es ist auch unwahrscheinlich, daß etwa Ibn Esra Erklärungen Bechor 
Schors bekannt waren, wie neulich behauptet wurde. 
Mit Bechor Schor schließt nach Geiger die nordfranzösische Exegeten- 
schule, denn was später auf diesem Gebiete geschah, verdient den Namen Exegese 
nicht mehr, höchstens verdienen noch Beachtung die tossaphistischen und 
ihnen verwandte Sammelwerke, die neben verkehrten Deutungen auch schätzens- 
werte Erklärungen der alten Exegeten aufnehmen, aber als eine weitere Kette 
in der Entwicklung der bisher so glänzend entfalteten Tätigkeit nicht gelten 
können. 
Ein fesselndes Bild dieser Tätigkeit zu geben hat nun, wie wir sehen, zu- 
erst Geiger unternommen. Seine Darstellung ist keine ganz vollständige, 
a 1) Es scheint aber, daß den nordfranzösischen Exegeten die Erklärungen des Saadja 
Gaon ganz unbekannt waren, höchstens daß einzelne solche Erklärungen zu ihnen auf 
Umwegen geraten sind und dann ihre ursprüngliche Fassung verloren haben. Geiger hat 
solche Zitate aus Saadja, besonders nach einer Münchener Handschrift, gesammelt und 
ediert (Parschandatha, hebr. Teil, p. 7—16) und dann darauf aufmerksam gemacht, daß 
sie mit den Deutungen des Gaon nicht übereinstimmen. Es muß aber ein Saadja in 
Nordirankreich existiert haben, der mit dem Gaon irrtümlich verwechselt wurde. Vgl. 
Poznanski. REI LIL 55—56: Liber, ib. LIV. 79—81.
	        
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