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Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

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II. Lebenswerk. 
Schrift in anderem Sinne als früher. Geiger begnügt sich mit zwei Beispielen *). 
Henochs frühzeitiger Tod wurde zuerst in verherrlichendem Sinne, als ein 
Entrücktwerden zu Gott, aufgefaßt. So von Josephus, den LXX, Sirach, 
Philo und dem jerusalemischen Targum. In der nachchristlichen Zeit aber 
ward die Erzählung von der Himmelfahrt eines Menschen anstößig, man deutete 
daher die Stelle anders und entzog dem Henoch seinen höheren Wert. Das 
yeschieht z. B. im Bereschit Rabba, im Fragmententargum und im Targum 
des Onkelos. Kin zweites Beispiel ist die Umdeutung der „äthiopischen Frau“ 
des Moses (Num. 12, 1) und die Erklärung als „sehr schön‘‘, die sich in Sifre, 
Fragmententargum und Onkelos findet, die aber alle alten, das Wort wörtlich 
wiedergebenden Übersetzungen nicht kennen. Auch hier nahm man nach Geiger 
Anstoß daran, dem Mose ein Weib aus fremdem Volke zuzuschreiben. Aber 
war dies nicht auch Zippora? 
Die hier angeführten Beispiele mögen genügen, um von der Theorie Geigers 
eine gewisse Vorstellung zu gewinnen. Man wird zugeben müssen, daß der Bau 
ain allzu künstlicher ist, daß die Unterlage oft, wie das aus manchen von uns 
gemachten Bemerkungen hervorgeht, eine schwankende ist, indem den Texten 
Gewalt angetan wird. Wir finden auch nicht selten jüngere Auffassungen im 
Munde derer, die Geiger für Vertreter der älteren Richtung hält, und umgekehrt, 
eine Erscheinung, die durch die Behauptung, daß man später zur einfachen 
Deutung zurückkehren konnte, nicht gelöst wird. Doch bleibt der Grund- 
gedanke einer stetigen Entwicklung der Halacha und einer vorwärtsdringenden 
Umformung derselben, ein Gedanke, der schon dem genialen Nachman Krochmal 
nicht fremd gewesen war?) ein sehr fruchtbarer. Geiger hat zuerst der Formel 
oiner „starren Gesetzlichkeit‘‘, dieser von christlichen Theologen in bezug 
auf das Judentum gern angewandten Ausdrucksweise, den Gedanken einer 
auch in der Halacha pulsierenden. Lebensfrische entgegengesetzt und dazu 
noch nachgewiesen, wie gewisse Erscheinungen, die einzeln betrachtet uns 
als kleinlich und unbedeutend vorkommen, bei einer angemessenen Behandlung 
in einem ganz anderen Lichte erscheinen. 
Die Karäer sind eigentlich, wie bereits hervorgehoben, die einzige Sekte 
in strengem Sinne des Wortes, welche das Judentum hervorgebracht hat. 
Die Samaritaner nämlich sind ein gesonderter Volksstamm, ein Überbleibsel 
des alten Israel, die Sadduzäer und Pharisäer wiederum, wie die bisherige 
Darstellung ergeben, keine Sekten, sondern Vertreter gewisser Strömungen und 
Parteirichtungen. Erst die Karäer trennten sich im 8. Jahrhundert vom Ge- 
samtorganismus des Judentums und bildeten dann so zu sagen eine besondere 
Synagoge. Sie sagten sich, wie sie behaupteten, vom Talmudismus los und 
verlangten eine Rückkehr zur Bibel, woher auch ihr Name „Karaim‘, Schrift- 
yläubige, oder „Bene Mikra‘*, Söhne der Schrift. Als nun am Anfange des 
vorigen Jahrhunderts die Reformbestrebungen anfıngen, machte sich auch 
+) Urschrift 197—199. 
?) 8. besonders das XII. Kapitel dessen More Nebuche Hazeman (ed. pr. Lemberg 1851). 
Zu verwundern ist es, daß Geiger die Forschungen Krochmals gar nicht berücksichtigt hat.
	        
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