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Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

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II. Lebenswerk. 
Pharisäern verächtlich so genannt wurde, und dessen Schuld die Sadduzäer auf 
seinen Herrn, den Hasmonäer Hyrkan II, abwälzen wollten. 
Dagegen hat Geiger mit vieler Wahrscheinlickheit mehrere andere Diffe- 
renzen aufgedeckt, die nicht immer ausdrücklich als sadduzäisch oder phari- 
säisch bezeichnet sind, in denen aber der Charakter der einen oder anderen 
Partei zum Ausdruck kommt. Schon oben wurde angedeutet, daß die Pharisäer 
einerseits manche Opfervorschriften (Schlachten und Salzen) auf jede Mahlzeit 
ausdehnten, andererseits dem Opfer das Gebet, wenn auch nicht entgegen- 
setzten, So doch jedenfalls an die Seite stellten, so daß der Gebetgottesdienst 
eine pharisäische Schöpfung ist. Sie übernehmen aber auch die Händewaschun- 
gen bei Mahlzeiten — eine Analogie zu gewissen, die Priester bindenden 
Waschungen bei heiligen Opferfeierlichkeiten — und suchen andererseits durch 
die Schaffung der Institution der Standmannschaften am Opferdienst soweit 
als möglich teilzunehmen !). Ja, auch der Streit, ob das Passahopfer den 
Sabbat verdränge, ist eigentlich, wie Geiger richtig erkannt hatte, ein Streit 
zwischen priesterlicher Hierarchie, die nur Tempelopfer über die Sabbatruhe 
stellt, und dem Volkswillen, der auch für seine Gemeindeopfer denselben Rang 
fordert ?). Ebenso suchen die Schriftgelehrten die Kompetenz dem Priester- 
gerichtshof zu entwinden und zwar nicht nur bei dem Gerichtsverfahren, sondern 
auch bei religiösen Handlungen, wie bei Bestimmung der Neumonde und Feste, 
die zuerst jenem Gerichtshof anvertraut waren. 
Große Bedeutung schreibt Geiger den Genossenschaften zu, deren gemein- 
schaftliche, durch Waschungen und Gebete geheiligte Mahlzeiten ein Gegen- 
gewicht zu den Opfermahlzeiten der Priester bilden sollten. Wie diese den 
Tempel als gemeinsamen Raum der Sabbatmahlzeiten betrachteten und trotz 
der Sabbatstrenge es für erlaubt hielten, die Mahlzeiten an einen bestimmten 
Ort zu tragen, so sollte auch bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten der Pharisäer 
durch die Institution des Erub (Vermischung) eine fingierte Raumverbindung 
und eine fingierte gemeinsame Mahlzeit hergestellt werden. Daraus erklärt 
sich, warum die Sadduzäer Gegner dieser Institution waren und warum die 
babylonische Gemara 3) den genauen Tatbestand sich nicht mehr zu erklären 
weiß. 
Aus der Sonderstellung der mit den Priestern verbundenen Sadduzäer und 
aus der Bekämpfung jedes nicht begründeten Vorzuges seitens der Pharisäer 
erklären sich auch manche Differenzen in bezug auf Ehegesetze. Die vornehmen 
Priester wenigstens achteten sehr auf Standesehen, heirateten womöglich nur 
„aus ihrem Volke 2‘, d. h. nur Priesterinnen oder überhaupt vornehme Töchter, 
1) Als eine nähere Ausführung dieser Theorie Geigers kann auch die Schrift Büchlers, 
Die Priester und der Cultus im letzten Jahrzehnt des jerusalemischen Tempels (Wien 1895), 
dienen, nach der die Pharisäer mit dem Sturze des sadduzäischen Hohepriesters Anan im Jahre 
61 zu vollem Sieg gelangt sind. Vgl. jedoch Epstein, MGWJ. 40, 139, 
2) Vgl. darüber weiter unten und speziell J. Z. II, 42 ff. Den Spuren Geigers in dieser 
Frage folgte Chwolson, Das letzte Passahmahl Christi (Petersburg 1892), vgl. dazu Bacher, 
JQR. VI, 680 ff.; Posnanski REJ 45, 176 ff. — Siehe oben S. 321 Anm. 
3) Erub. 68b. 
1) Lev. 21, 14.
	        
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