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Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

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II. Lebenswerk. 
dem Tatbestand. Noch untunlicher ist es, sich auf Josephus zu stützen, in 
den Sadduzäern genußsüchtige und verweichlichte Freigeister zu sehen und in 
den Pharisäern finster dreinblickende und von der Welt abgewandte Asketen, 
da Josephus Bestreben war, das innere jüdische Leben römischen Begriffen 
anzupassen und die jüdischen Sekten ihm zu philosophischen Schulen werden, 
In den Evangelien werden zwar die Sadduzäer richtig als Machthaber und 
Magistratspersonen dargestellt, dafür aber die Pharisäer als Heuchler und 
Scheinheilige vorgeführt, eine Auffassung, die den Sprachgebrauch beeinflußt 
hat. Geiger verstand es nun, nicht nur die Quellen in ein richtiges Licht zu 
rücken, sondern auch aus gelegentlichen Äußerungen die inneren Fäden aufzu- 
suchen und das Wesen dieser beiden Sekten in Zusammenhang mit der ganzen 
inneren Geschichte des Judentums zu bringen. Seine Theorie stützt sich oft 
auf vage Hypothesen und künstliche Kombinationen, aber durch seine tief- 
eingreifenden Forschungen hat sich ein Dreifaches ergeben, das unabhängig 
von Einzelheiten als gesichert gelten kann. Es ist dies: 
1. Sadduzäer und Pharisäer sind kein Produkt künstlicher Gruppierung, 
die in einer gewissen Periode entstanden ist, sondern ihr Wesen ist im Charakter 
des Judentums begründet, ihre Anfänge reichen weit hinauf, fast bis in die 
Anfänge des jüdischen Staatslebens. Es ist ein Dualismus, der immer vorhanden 
war, wenn auch seine Formen wechselten. 
2. Sadduzäer und Pharisäer sind eigentlich keine Sekten im geläufigen 
Sinne des Wortes, vielmehr zwei Parteien, zwei Richtungen mit mehr staat- 
lichen und kirchlichen als religiösen Tendenzen. 
3. Die Pharisäer sind nicht Heuchler und Scheinheilige, sondern der 
Kern des Volkes, das vorwärtsstrebende, um seine Stellung ringende Bürger- 
tum. Sie sind bemüht, das Gesetz dem Leben anzupassen, wenn auch ihr 
Vorgehen uns manchmal kleinlich vorkommen muß. „Der Name Pharisäer 
als Vertreter der Gleichberechtigung bleibe ein Ehrenname.“ 
Die innere Geschichte des Judentums muß man sich daher mit Geiger 
folgendermaßen vorstellen ?). 
Wie in Juda — im Gegensatz zu Israel — nur eine Dynastie geherrscht 
hat, die Dynastie Davids, die dem Staate viele Erschütterungen ersparte, 
so fungierte auch im Tempel hauptsächlich eine priesterliche Familie, Nach- 
kommen Zadoks, der zur Zeit Salomos im jerusalemischen Tempel Priester 
gewesen war, Als nun der Staat gefallen, der Tempel eingeäschert und das Volk 
ins Exil geführt war, knüpften sich die Hoffnungen an die Nachkommen 
Davids und Zadoks, Davididen und Zadokiten. An der Spitze der zurück- 
kehrenden Exulanten stehen ja auch Serubabel, der Davidide, und Josua, der 
Zadokite. Das yolitische. Leben unter der Oberhoheit der Perser entwickelte 
*) Die Theorie Geigers über Sadduzäer und Pharisäer ist vor allem in der Urschrift ent- 
halten. Er benützte aber dann jede Gelegenheit, um sie nochmals zu begründen und durch 
neue Einzelheiten zu stützen. Siehe besonders J. Z. I, 19—89; II, 11—54; IV, 75—77; V, 
261—282; VI, 258—267; VIII, 278—284; Das Judenthum und seine Geschichte I, 75 ff.; 
N. S. II, 90—108; hebr. 95—165. Die hier folgende Darstellung berücksichtigt alle diese Stellen, 
selbstverständlich in sehr gedrängter Form.
	        
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