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Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

Samaritaner. Sadduzäer: Boethusäer. 
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Samaritaner halten also an den Ansichten fest, die teils ausdrücklich als saddu- 
zäische bezeugt sind, teils bei näherer Untersuchung als solche nachgewiesen 
werden können. Bei diesen Nachweisen muß aber noch ein Faktor herange- 
zogen werden, nämlich der Karäismus, der, wie wir weiter unten sehen werden, 
nach Geiger eine direkte Fortsetzung des Sadduzäismus ist und uns über dessen 
Wesen vielfach Aufschluß geben kann. Einige charakteristische Beispiele 
mögen diese mit vielem Scharfsinn, aber auch mit Zuhilfenahme gewagter 
Hypothesen durchgeführte Auffassung klarlegen. 
Im Talmud finden wir nur eine ausdrückliche Übereinstimmung zwischen 
Samaritanern und Sadduzäern den Pharisäern gegenüber, nämlich die Ver- 
werfung des Erub *!), aber merkwürdigerweise hat sich gerade darüber in der 
samaritanischen Literatur bisher nichts gefunden, Die Verwerfung dieser In- 
stitution hat nach Geiger?) eine spezielle, wichtige Bedeutung, da ihre Ein- 
führung aus der Bildung von Genossenschaften (MYYam), die besonders am 
Sabbat zusammenzukommen pflegten um ihre Mahlzeiten in gemeinschaft- 
licher, religiöser Weise zu genießen, herausgewachsen sein sollte. Durch die 
Institution des Erub wurde es nun möglich, über eine gewisse, zum Stadt- 
gebiet gehörige Wegstrecke hinaus am Sabbat zu gehen, also vor allem zum 
Versammlungsort der Genossenschaft, dann die gemeinsamen Speisen von einem 
Privathaus ins andere zu‘ tragen. Solche Genossenschaften waren aber anfangs 
nur ein Privileg und Kennzeichen der Priester und der mit ihnen verbundenen 
Sadduzäer und wurden erst allmählich von den Pharisäern fürs ganze Volk 
übernommen. Daher widerstrebten die Sadduzäer und, ihnen folgend, die Sama- 
ritaner, ebenso wie später die Karäer, der Institution des Erub, und sogar in 
der Halacha sind noch verschiedene Etappen ihrer Entwicklung zu bemerken. 
Neben den Sadduzäern werden die Boethusäer erwähnt, unter denen, wie 
wir ebenfalls weiter unten sehen werden, nach Geiger eine von Herodes aufs 
Schild gehobene Priesterfamilie zu verstehen ist und die daher auch als Hero- 
dianer bezeichnet werden. Auch in bezug auf die Boethusäer weiß der Talmud 
von manchen Übereinstimmungen mit den Samaritanern, so vor allem in 
betreff der Bestimmung der Neumonde und Feste, die zuerst in den Händen 
des „Priestergerichtshofes‘‘ gelegen hat, aber dann in die der pharisäischen 
Gelehrten übergegangen ist. Hier hören wir®), daß sowohl die Boethusäer, 
als auch die Samaritaner die Kalenderbestimmung bald durch falsche Feuer- 
signale, bald durch gemietete falsche Zeugen zu verwirren suchten. Die Boethu- 
säer werden auch als Urheber jener Ansicht genannt, nach der das Wochenfest 
stets auf einen Sonntag fallen muß und auch hierin folgen ihnen die Samaritaner, 
dann aber auch alle späteren jüdischen Sekten, einschließlich der Karäer *). 
Dasselbe ist auch der Fall mit dem jus talionis, das die Boethusäer buchstäb- 
lich ausgeführt wissen wollen. was auch die Samaritaner und die Karäer fordern®). 
ı) Erub. 31 b, 68 b. 
2) J. Z. II, 24; N. 8. III 290, V 145. 
3) R.h. 22b. 
‘) Kaufmann-Gedenkbuch 173. 
%) J. Z. II, 28; N. S. V, 162; Urschr. 148; vgl. MGWJ. 41, 204.
	        
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