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Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

Prophetenlehre. 
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geisterung wendet er sich an seine Zuhörer mit dem flehenden Zurufe: ‚Blicke 
hin auf die begeisterten Gottesmänner, welche in der Vorzeit aus deinem Schoße 
hervorgegangen sind, blicke hin auf diese Propheten, die zu ihrer Zeit häufig 
verspottet, dann ein Licht der Welt wurden. ‚Töricht ist der Prophet, unsirnig 
der Mann des Geistes‘ rief man ihnen zu, aber dennoch waren sie unermüdlich 
in ihrem Kampfe gegen Götzendienst und Sittenlosigkeit und — sie.-siegten. 
O so werden auch wir für die neuen Lehren Israels kämpfen und nicht von ihnen 
lassen und die Form auch achten, in welcher der Geist sich darstellt, solange 
er in ihr sich darstellt. So werden auch wir zu dem herrlichen Zieles beitragen, 
das der Menschheit gesteckt ist ....“ 
Von Breslau aus, wo er die Gegensätze friedlich vereinen zu könnein glaubte, 
Wollte Geiger der Propheteniehre Eingang in alle Herzen verschaffen, und sein 
Wirkungskreis sollte der Quellpunkt für die Regeneration des Gesamtjutentums 
werden. Doch bis dahin sollte es noch eine Weile dauern. Für die Prop.&eten- 
lehre, die er verkündet, sollte er erst reichlich Prophetenlohn erhalten. 
Fünfzehn Monate harrt er in Berlin auf die Entscheidung der Regierung? 
über seine Naturalisation!). Von hier aus schreibt er seinem Freunde Stern 
die charakteristischen Worte: „Ich bleibe Rabbiner, wenn auch ohne Amt. 
Ich bin nunmehr so gestählt und so fest in meinen Überzeugungen und mir so 
klar, was ich will, und wie ich ein nützliches Glied in der Geschichte des 
Judentums sein kann, daß mich nichts daran irre macht.“ Und als die Ent- 
scheidung zu seinen Gunsten gefallen war, schrieb er demselben Freunde: 
„Für mich beginnt eine neue Epoche. Bin ich wirklich ein Moment des gegen- 
wärtigen Jahrhunderts, so muß auch dieses etwas davon verspüren ?).‘ 
Das ist die Stimmung, die ihn bei seinem Amtsantritte in Breslau erfüllt, 
Es ist die Stimmung eines zielbewußten, von dem schließlichen Siege der Idee 
überzeugten Kämpfers. 
In seiner Abhandlung: „Neue Beiträge zur Geschichte des Streites über 
das Studium der Philosophie in den Jahren 1232 bis 1306‘ hält er seinen Zeit- 
genossen einen Spiegel vor. 
„Der Streit zwischen Herkommen und Philosophie, zwischen dem Halten 
an den sinnlichen Umkleidungen, mit welchen die Ideen in die Welt treten, 
und dem klaren Enthüllen dieser Ideen, zwischen den abgestandenen Ergeb- 
nissen eines früheren Denkens und dem erneuten Aufschwunge eines frischen 
Denkens, ist einer der mächtigsten Hebel, welche die Weltgeschichte in Be- 
wegung setzen. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Mächten ist zu allen 
Zeiten vorhanden, nur ist er zuweilen mehr verborgen, wird bloß leise von Ein- 
zelnen gefühlt, aber manchmal wird er nach beiden Seiten hin lebendig, tritt 
klar ins Bewußtsein, und nun eilen die Vertreter beider Richtungen gerüstet 
und mutig auf die Kampfbahn, von der sie sich dann wieder zurückziehen, jede 
sich den Sieg zuschreibend, in Wahrheit aber den Ausgang unentschieden und 
den Zündstoff zu einem späteren Brande zurücklassend. Dennoch zieht der 
Geist des Aufschwungs den wahren Vorteil davon, die Geister fühlen sich mächtig 
‘) Oben S. 594, 
?3 Oben S. 69.
	        
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