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Erste Abteilung. Leben I. Kapitel 1810-1832

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

1. Kapitel. Bonn. Jugendfreunde. Rednerverein, Vorlesungen. 15 
Sie erstreckten sich auf klassische und orientalische Philologie sowie auf Philo- 
sophie. Geiger hörte von philologischen Vorlesungen Welcker über die Pindari- 
schen Oden, Näke: Erklärung der Frösche des Aristophanes. Zur Philologie 
gesellte sich alte Geschichte; römische Geschichte bei Niebuhr zu hören, war 
ein günstiger Zufall. Philosophie wurde unter der Leitung eines jungen tüchtigen 
Dozenten Dr. Bobrick studiert, dessen Einleitung für die Philosophie als be- 
sonders lehrreich angemerkt wurde. Kine ebensolche Vorlesung wurde bei 
Kalcker gehört. Logik hörte er bei Brandis, studierte aber daneben auch 
Herbarts Werk. Bei demselben Dozenten Moralphilosophie und eine Über- 
sicht über die Systeme Kants und Fichtes, Anthropologie bei Hasse. Für Orien- 
talia wurde G. Freytag, ein eifriger Dozent, der durch mannigfache Editionen 
und durch sein arabisches Lexikon die orientalischen Studien außerordentlich 
förderte, sein geschätzter Lehrer, ein Mann, der ihm weniger durch seine Vor- 
lesungen als durch Privatverkehr, durch vielfache Belehrung nützlich wurde. 
Aber auch die allgemeine Bildung wurde gefördert durch Goldfuß’ Vorlesungen 
über Zoologie und Münchows über Astronomie, die freilich dem Studenten, 
der selbst seine geringen Vorkenntnisse: zugestand, wenig behagten. 
Der Aufenthalt in Bonn wurde zweimal unterbrochen: von Ende August 
1830 bis Ende Oktober und von Ende November 1831 bis 15. Dezember. Während 
der erstgenannten Sommerferien machte er eine Rheinreise. Aber es bleibt 
merkwürdig, wie wenig entwickelt der Natursinn des jungen Mannes war, 
Weder die wunderbare Schönheit Heidelbergs, noch die Pracht der Rheinlande 
entlockten ihm enthusiastische Ausrufe. Nicht, daß er die Augen verschloß 
vor den Herrlichkeiten der ihn umgebenden Welt, aber der seit seiner zartesten 
Jugend in das Zimmer Gepferchte besaß keine Schwärmerei, ja kaum ein wirk- 
liches Verständnis für die Natur. Seine Spaziergänge waren und blieben lebens- 
lang Bewegungen zum Zwecke der Gesundheit, der fröhliche Wandertrieb 
war ihm versagt, Reisen unternahm er nur zur Erholung, selten um einige 
größere Städte zu besuchen, und auch da waren ihm die Umgebungen — übrigens 
ebenso wie Sehenswürdigkeiten — ziemlich gleichgültig; was er aufsuchte, 
woran er sich vergnügte, waren die Bibliotheken oder Menschen, an deren 
Umgang er Wohlgefallen fand. 
In den zu Frankfurt verlebten Sommerferien 1830 wurde der Umgang 
mit den Freunden eifrig fortgesetzt; freilich war der mit Lotmar durch theologi- 
sche Streitigkeiten ziemlich verbittert; schr anregend wirkte Stern, der sich 
damals in Frankfurt aufhielt. Der zweite kurze Besuch galt einem Familien- 
fest; die Seinen, obgleich voller Liebe für ihn und von einem gewissen Stolz 
erfüllt über seine geistige Entwicklung, konnten ihm auch jetzt nicht verzeihen, 
daß er sich über einzelne Formen hinwegsetzte. 
Während dieses Aufenthaltes in Bonn trat auch die Politik in ihre Rechte, 
Aber die Julirevolution machte einen verhältnismäßig geringen Eindruck 
auf den Studenten. Wohl gewann er schon damals die liberale Grundanschauung, 
an der er sein Leben lang festhielt. Aber eine praktische Beteiligung an der 
Politik, die viele Zeitgenossen unter Einwirkung der Revolutionsereignisse 
ergriff. vermied er stets. Natürlich wurden Börne und Heine gelesen, aber gerade
	        
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