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Zweite Abteilung. Lebenswerk I. Der Theologe 2. Systematische Theologie

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

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]l. Lebenswerk, 
Die Zeit des Exils, wie die des zweiten Tempels und des darauf folgenden 
neuen Exils, in welcher das volkstümliche Dasein immer mehr verletzt wurde, 
mußte ebensowohl bei den patriotisch Gesinnten die Hoffnungen auf Volks- 
üibermacht mehr in das irdische Gebiet übertragen, als auch bei Zweiflern, 
nachdem sie an dem Schicksal der Gesamtheit verzweifelt waren und somit 
auch von diesen volkstümlichen Hoffnungen nicht ausgefüllt wurden, die Rück- 
sicht auf ihre individuelle Zukunft in den Vordergrund drängen. Während 
daher von der einen Seite der irdische Messiasbegriff sich ausbildete, wünschte 
man von der andern Seite die Gewißheit von der Fortdauer des Individuums 
zu haben. Beide Hoffnungen vereinigten sich nun, und an der späteren Größe 
des Volkes wollte und sollte nun auch ein jeder einzelne, der in der Gegenwart 
sich deren nicht erfreuen konnte, seinen Anteil haben; der Glaube an die Auf- 
erstehung zur Zeit des Messias gab hierfür die Bürgschaft. 
Diese Ansicht, welche das Christentum aufnahm und in eine Auferstehung 
zur Zeit der Wiederkunft Christi (des tausendjährigen Reiches) umwandelte, 
mußte bald durch das Hervortreten der individuellen Hoffnungen, besonders 
auf christlicher Seite, wo keine Volksbegriffe sich mit den religiösen verbinden 
konnten, und ebensowenig ein allgemeiner irdischer Druck in der Gegenwart 
da war, für welchen die Zukunft hätte schadlos halten sollen, zu der geistigeren 
individuellen Hoffnung, zu dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele führen. 
Hier ist alles Gemeinsame in dem Individuum untergegangen, und jeder sorgt 
für sich. Das Judentum hat im Mittelalter diesen Glauben vollkommen aufge- 
nommen, ohne freilich, seinem damaligen Charakter nach, irgendeine frühere 
Ansicht gänzlich aufzugeben. Aber wir stehen an der dritten Periode, wo das 
Individuum sich nicht bloß als das Glied eines Volkes und nicht als selbständig 
betrachtet, sondern als Glied der Gesamtmenschheit und seiner Hoffnungen 
höchste in dem Fortschritte der Menschheit findet, welcher es dient. Der Art 
ist schon die geistige Auffassung des Messiasbegriffes, wie ihn die neuere Zeit 
lehrt, und wir haben hier, wie in allem, nur wieder zu den Propheten zurück- 
zukehren, nachdem wir ihre reine Gefühlsanschauung uns durch große Umwege 
wieder als vermitteltes Denkresultat aneignen *).“ 
Wir vermissen in dieser Auseinandersetzung eine direkte Stellungnahme 
Geigers zu der Frage der Unsterblichkeitslehre, wie sie sich im Judentum aus- 
yebildet hat, und es will uns fast scheinen, als hätte er es absichtlich vermieden, 
zu dieser Frage persönlich Stellung zu nehmen, weil er damals, als er dies schrieb, 
mit sich darüber noch nicht völlig ins Reine gekommen war. Wir können dies- 
bezüglich verschiedene Entwicklungsphasen bei ihm wahrnehmen. In der 
ersten Zeit seiner amtlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit hat er der Un- 
sterblichkeitslehre keinesfalls eine sehr hohe Bedeutung zuerkannt, sie vielmehr 
für entbehrlich erachtet. Das erhellt deutlich aus einem Schreiben an Dernburg 
vom 15. Juli 1833, in welchem es heißt: 
„Ich möchte behaupten, daß der Mangel der Unsterblichkeitslehre dem 
Judentum gewissermaßen einen Vorzug gibt. Alle Völker, bei denen die indi- 
ıy) W, ZZ. IV. 249 £.
	        
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