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Erste Abteilung. Leben VIII. Berlin 1870-1874

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

8. Kapitel. Allgemeine Angelegenheiten. Schulvorstand. 209 
sämtlichen Amtsbrüder im ganzen Vaterlande, diese unsere Erklärung 
durch die Zustimmung zu bekräftigen. 
Berlin, 26. Januar 1873. 
Die vorstehende Erklärung übersandte er dem Vorstand der Berliner Ge- 
meinde, mit der Bitte, ihr beizutreten. Der Vorstand lehnte aber den 
Beitritt ab, einerseits, weil er die von dem Abgeordneten vorgebrachten Vor- 
gänge nicht bezweifeln zu dürfen meinte, andererseits weil er es für inopportun 
hielt, gegen einen Glaubensgenossen, der in vielfacher Beziehung den Anstren- 
gungen der Juden um eine freie Gemeindeverfassung und ähnliches nützlich sein 
könnte, öffentlich aufzutreten. 
Zu den amtlichen Arbeiten kam eine neue. Am 12. Januar 1874 wurde Geiger 
als Mitglied des Schulvorstandes eingeführt. Ein sehr merkwürdiger Bericht 
der „Berliner pädagogischen Zeitschrift‘, 31. Januar 1874, unter dem Titel „Jüdi- 
sche Religiosität und Toleranz, an einem Beispiel‘, schildert die Einführung in 
eine kombinierte Konferenz der Lehrerkollegien der Berliner jüdischen Knaben- 
schule und der jüdischen Lehrerbildungsanstalt und gibt nach einer Analyse 
der Rede des Rektors Horwitz, Geigers Rede mit folgenden Worten wieder: 
„Vollkommen mit dem Herrn Vorredner in Übereinstimmung, scheue 
ich es nicht, auszusprechen, daß alles Wirken, ganz besonders das des Lehrers 
und Erziehers nur einen Wert hat, wenn es auf einem idealen Grunde ruht, 
wenn es das über das sinnlich Greifbare Hinausliegende zu seinem Zielpunkte 
hat, die Entwicklung der höheren Geisteskräfte anstrebt. Wir werden nicht 
überfliegend den realen Boden uns träumerisch unter den Füßen fortziehen; 
aber wir werden uns nicht an die irdische Scholle fesseln lassen. — In diesem 
Sinne darf ich auch die in Beziehung auf meine amtliche Stellung gesprochenen 
Worte, die von vornherein Mißverständnisse zu beseitigen geeignet sind, voll 
aufnehmen und sie nachdrücklich betonen. Ich trete als Rabbiner der Gemeinde 
in ihren Kreis nur insofern, als ich in der Religion, in der Erhebung der Seele, 
die edelste Blüte des geistigen Lebens erkenne. 
Innerhalb meines Wirkungskreises habe ich immer die Überzeugung ver- 
treten, daß Religion und geläuterte Erkenntnis, religiöse Gesinnung und die 
fortschreitende Errungenschaft geistiger Bildung in innigster und einträchtigster 
Verschmelzung sich befinden, und daß, wo ein Mißklang, ein klaffender Zwiespalt 
eintritt, der Name der Religion bloß mißbräuchlich angewendet wird für über- 
schrittene Lebensanschauungen oder eingeschlichene Mißgestaltungen. Wahre 
Religion ist wahre Bildung. So muß denn namentlich die Schule darauf bedacht 
sein, die Herzen der Kinder zu erwärmen, ihrer Seele den Aufschwung zu ver- 
leihen, ihnen den Kern einer dreitausendjährigen Lebenskraft mit ihrer Frucht 
darzureichen, daß sie daran erstarken. Allein eine spezifisch jüdische Schul- 
bildung kenne ich nicht, und ich würde es für eine Versündigung an dem Geiste 
der Jugend erachten, wenn ich, als Rabbiner, anweisend und ausschließend in 
ihren Bildungsgang eingreifen wollte. 
Ohne auf prinzipielle Begründung oder Verteidigung einzugehen, nehme ich 
die bestehenden jüdischen Schulen als eine Tatsache hin, insofern als sie einen 
Kreis von Schülern haben, der ausschließlich dem jüdischen Glaubensverbande 
Abraham Geiger.
	        
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