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Erste Abteilung. Leben VI. Kapitel. 1854-1863

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

„Urschrift“. Amtsjubiläum 1857. 
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gingen, und die kleineren Beträge, die alljährlich einkamen, bereiteten ihm eine 
wahrhaft kindliche Freude. Jeder Taler erschien ihm als eine Anerkennung der 
mühevollen und, wie er sich mit berechtigtem Stolze sagen durfte, grundlegenden 
Arbeit. 
Die Vorrede des Werkes war vom 23. Juni 1857 datiert. Der Schluß dieser 
Vorbemerkung lautet so: „Ich habe die gewonnenen Ergebnisse schmucklos 
und unverhüllt dargestellt. Die Wahrheit bedarf der künstlichen Mittel nicht, 
dem Irrtum sind sie eine rasch gebrechliche Stütze. Meine Ansichten aber in 
das Gewand der augenblicklichen Mode zu kleiden, habe ich nicht gelernt und 
würde ich es auch, nachdem ich mit diesem Buche nahezu ein Vierteljahrhundert 
meiner Wirksamkeit schließe, nicht mehr zu lernen fähig sein, wenn ich selbst 
die Lust dazu verspüren sollte. Doch danke ich aus tiefster Seele meinem 
Gotte dafür, daß eine solche Lust mich niemals angewandelt. Im Vertrauen 
zur Wahrheit bin ich nie wankend geworden, und die Freude an der Er- 
forschung und Verkündung derselben, wie ich sie nach meinen Kräften er- 
kannt, hat mich allezeit begleitet. Für die Fortdauer dieses reichen Segens 
bitte ich Gott in Demut.‘ 
Das Jubiläum der fünfundzwanzigjährigen Amtstätigkeit, das in diesen 
Schlußworten angedeutet ist, wurde am 21. November 1857 mit großem Prunke 
gefeiert. Der Bericht der Breslauer Zeitung (23. November 1857 S. 2278), wahr- 
scheinlich von D. Honigmann, mag dieses herrliche Fest schildern: 
„Die außerordentliche Teilnahme, mit welcher der Jubeltag des Rabbiners 
Herrn Dr. Geiger am jüngsten Sonnabend gefeiert wurde, hat ein unbestrittenes 
und glänzendes Zeugnis von der Stärke und Innigkeit des Bandes abgelegt, 
welches die Gemeinde mit ihrem Seelsorger verbindet und das durch die Fest- 
lichkeiten dieses schönen Tages gewiß einen um so dauerndern Halt gewonnen 
hat. — Den Reigen der Glückwünschenden eröffnete am frühen Morgen die 
Knaben-Waisen-Anstalt; kurz darauf erschien eine Deputation der früher 
Konfirmierten, darunter mehre gebildete und angesehene Frauen, und über- 
reichte ein von der einen Dame verfaßtes sinniges Gedicht nebst einer silbernen 
Fruchtschale. Bald wurde der Jubilar von dem Synagogen-Vorstande zur 
Synagoge feierlichst eingeholt, das erleuchtete und geschmückte Gotteshaus 
war gedrängt voll, und der Gottesdienst, durch Herrn Kantor Deutsch 
immer so würdig gehalten, machte diesmal einen um so erhöhteren Eindruck, 
als man Allem den warmen Hauch der Weihe und Liebe anfühlte. Der Religions- 
lehrer Herr Dr. Levy sprach das Altargebet und fügte ein kräftiges und schwung- 
reiches für den Jubilar bei, worauf dieser vor der lautlosen Menge einen Rück- 
blick auf das verflossene Viertel-Jahrhundert gab und daran Gebete für die 
hiesige Gemeinde nach allen ihren Richtungen für Stadt, Staat und das hohe 
Herrscherhaus knüpfte. — In der Behausung des Gefeierten erwartete ihn bereits 
eine Deputation des Vorstandes und der Repräsentanten-Gemeinde, die durch 
ihre Vorsitzenden, Herrn Dr. Sachs und Herrn Sanitätsrat Dr. Grätzer, unter 
Überreichung eines kunstvoll gearbeiteten Pokals, Worte der Anerkennung und 
Glückwünsche aussprach. Es folgte der Vorstand der Kranken-Verpflegungs- 
and Beerdigungs-Gesellschaft, von dem Wirken des Jubilars bei Kranken und
	        
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