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Erste Abteilung. Leben VI. Kapitel. 1854-1863

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

Bresiauer Gebetbuch. Die „Urschrift“, 
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sich ausführlicher so geäußert: ‚In so geschlossenem und bedeutendem 
Zusammenhang hatte aber vor Geiger niemand das große Thema behandelt. 
Daher überall neue und wesentliche Resultate. Er sucht nachzuweisen, 
daß, als die Übersetzung der Septuaginta entstand und die Samaritaner 
ihren Pentateuch herübernahmen, an einen kanonischen textus receptus noch 
gar nicht zu denken war, sondern in Palästina Exemplare umgingen, welche 
unter sich und mit den uns vorliegenden wenig übereinstimmten; unsere Re- 
daktion sei das Ergebnis einer späteren Kritik. Auch die Targumim sind ab- 
hängig von der fortschreitenden Entwicklung jüdischen Wissens und Glaubens. 
In Sonderheit hat auf ihre Gestaltung der Umstand eingewirkt, daß gewisse 
biblische Bücher beim öffentlichen Vortrage bevorzugt, andere vernachlässigt 
wurden. Für die alttestamentliche Wissenschaft hat mit diesem Werke Geiger 
am nachhaltigsten gewirkt.“ 
Theodor Nöldeke schrieb darüber (4. Januar 1875): „Hätte er nur die 
Urschrift geschrieben, so würde sein Name dauern; das sage ich, obwohl ich nicht 
nur in manchen Einzelheiten, sondern auch in manchen sehr wichtigen Dingen 
seine Meinung nicht teile; aber das ist ein Buch, das einmal wirklich neue Ge- 
danken bringt.‘ 
Moritz Steinschneider urteilte in einer kurzen Charakteristik (Magazin 
für die Literatur des Auslandes 1875) folgendermaßen: „Das Werk ‚Urschrift 
und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der innern Entwicklung 
des Judenthums‘ findet den Kern der alten Sektenspaltung (Sadduzäer, nach 
Geiger vom Priester Zadok benannt, Pharisäer usw.) in politischen Parteien, 
einer Priesteraristokratie und einer demokratischen Bewegung, welche im 
zweiten Jahrhundert eine radikale Umgestaltung von Gesetz und Sitte bewirkte 
und nach ihrer Richtung hin den Bibeltext nicht bloß auslegte, sondern 
tatsächlich änderte, so daß für Bibelkritik und Exegese in der- 
artiger tendenziöser Umgestaltung des Textes ein neuer Schlüssel geboten sei. 
indem die Trümmer alter verdrängter Traditionen aufzusuchen und geschicht- 
lich zu verwerten seien.“ 
Unmittelbar nach dem Erscheinen des Werkes wurde das Buch von dem 
gelehrten L. Löw!) besprochen. Er hielt zwar die schon in der eben angeführten 
Stelle Steinschneiders hervorgehobene Ansicht von der Zadokitenpartei für be- 
denklich, fuhr dann aber fort: „Wir nehmen keinen Anstand, die Urschrift als 
eine in der jüdischen Theologie sehr bedeutsame Erscheinung zu bezeichnen; 
es wäre für den Stand der jüdischen Wissenschaft in Deutschland ein schlimmes 
Zeichen, wenn das Werk nicht eine lange Reihe von Untersuchungen hervor- 
rufen würde.‘‘ 
Gerade diese Theorie über Sadduzäer und Pharisäer, die einen der leitenden 
Grundgedanken des Buches bildet, wurde allerdings vielfach bestritten, von 
manchen geradezu der Zusammenhang der Sadduzäer mit den Zadokiten ge- 
leugnet. Auch die zahllosen biblischen Varianten, die Geiger als tendenziöse 
Änderungen hingestellt hatte, wurden von einem feinen Kritiker, wie 0. H. 
‘) Ben-Chananja, Jahrgang 1858, namentlich 5.94 ff.
	        
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