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Erste Abteilung. Leben IV. Kapitel. Breslau 1840-1844

Full text: Abraham Geiger / Geiger, Ludwig (Public Domain)

I. Biographie. 
bunden sind. So gut wie ein jeder andere Privatmann darf ich daher 
etwa nicht militärische Uniform oder die Staatskleider der Beamten oder 
auch den Ornat der privilegierten christlichen Geistlichkeit tragen. So 
lange ich aber in diesen Fehler nicht verfalle, wüßte ich nicht, mit welchem 
Rechte grade ich in der freien Wahl meiner Kleidung beschränkt werden 
könnte. In diesen Fehler bin ich aber nicht verfallen, meine Kleidung 
yibt kein öffentliches Ärgerniß und ist von dem Ornate der christlichen 
Geistlichkeit weit entfernt, wie dies Geistliche beider Confessionen be- 
stimmt und unzweideutig bezeugt haben, deren Zeugnisse bereits früher 
im Original eingereicht wurden und hier nochmals in Abschrift beiliegen. 
Es muß daher, wenn nicht gerade ich der Wohltat der Alle gleich 
umfassenden Gesetze des Staates verlustig sein soll, hier ein Mißverständniß 
obwalten, welches zu heben ich ein hohes Ministerium im vollsten Ver- 
trauen ganz untertänigst bitte. (Unterschrift.) 
Diesem Gesuche liegen die Zeugnisse von dem katholischen Domkapitular 
Heinrich Förster, dem späteren Fürstbischof, und dem Prediger Ludwig Falk, 
dem Vater des nachmaligen Ministers, und Schilling vom 25.—26. März 1843 
bei, des Inhalts, daß der Ornat Geigers sich von dem evangelischen und katho- 
lischen unterscheide. 
Trotz dieser Ausführungen erfolgte die Antwort des Ministeriums (26. August 
1843), „daß Ihrem Gesuch die gewählte Amtstracht zu gestatten nicht deferiert 
werden kann‘. In dieser Verfügung hieß es ferner: „Allerdings sind die Rab- 
biner weder unmittelbare noch mittelbare Staatsdiener; da sie indeß die Be- 
amten besonderer im Staat bestehender, das öffentliche Interesse vielfach 
berührender Gemeinschaften sind, liegt es in der Natur der Sache, daß der 
Staat von allem, was dieselben in dieser ihrer Stellung und mit Beziehung auf 
diese vornehmen, insoweit nähere Kenntnis zu nehmen hat, als die allgemeinen 
staatspolizeilichen Rücksichten dies nötig machen. Wenn daher bei der jetzigen 
Stellung der Juden deren Beamten eine allgemeine Amtstracht nicht vor- 
geschrieben ist, noch darauf, daß dieselben eine solche überhaupt anlegen, 
gehalten wird, kann es den letzteren doch auch nicht überlassen werden, sich 
bei ihren Amtshandlungen und in ihrer amtlichen Stellung nach Willkür und 
eigenem Belieben einer bis dahin nicht üblich gewesenen Tracht zu bedienen.‘ 
„Ihnen selbst ist am besten bekannt, daß Sie durch Anlegung einer in 
Breslau ganz ungewöhnlichen Tracht einem bedeutenden Teil der jüdischen 
Gemeinde großen Anstoß gegeben haben und dadurch zu den eingetretenen 
Zerwürfnissen nicht wenig beigetragen haben.“ 
Wie diese Haupt- und Staatsaktion ausging, vermag ich nicht zu sagen. 
Offenen Ungehorsam gegen den Befehl der Staatsregierung zu zeigen, zumal 
bei einer so kleinlichen Angelegenheit, wenn es sich dabei auch um einen Grund- 
satz handelte, lag nicht in der Art des Breslauer Rabbiners. Doch war, soweit 
ich unterrichtet bin, weder der Eifer der Polizeibehörde sonderlich groß, auf 
die Ausführung des ministeriellen Befehls zu dringen, noch die Denunziations- 
leidenschaft der Gegner, die sich vielleicht mit dem Triumphgefühl begnügten,
	        
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