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Eine Professorensilhouette

Full text: Aus guter alter Zeit / Meyer, Alexander (Public Domain)

aus dem Rahmen der übrigen gebildeten Gesellschaft vor. 
„Im Zweifel“ trägt der Professor von heute einen Voll⸗ 
bart oder wenigstens Schnurrbart, ist Reserveoffizier ge⸗ 
wesen oder ist es noch, wird zu den Hoffesten eingeladen 
und hat alle Züge, die an den alten Magister erinnern, 
abgestreift. In kleineren Universitätsstädten kann man 
in die Lesegesellschaft oder gewisse Erholungsgärten mit 
der sicheren Ueberzeugung eintreten, daß jeder reife 
Mann, der sich dort befindet, ein Professor ist, und man 
kann unmittelbar darauf zu physiognomischen Studien 
übergehen. Der Professor der guten alten Zeit ist freilich 
auch dort im Aussterben; die Sitte, das gelehrte Hand⸗ 
werk in Form der Kleidung und des Haarschnitts zur 
Schau zu tragen, verliert sich mehr und mehr. Am 
treffendsten und mit wenigen Strichen hat uns Goethe 
die Physiognomie der ganzen Professorengattung dort 
geschildert, wo er seinen Besuch bei Gottsched erzählt. 
Auf dem Theater hat man die Figur häufig zu komischen 
Zwecken zu verwerten gesucht; aber meistens ist es miß— 
lungen. Namentlich ist Roderich Benedir stets das 
Mißgeschick passiert, daß, wenn er einen zerstreuten Ge— 
lehrten schildern wollte, dem nur die Gesetze der guten 
Gesellschaft ungeläufig sind, wider seinen Willen ein ge— 
mütsroher Mensch daraus wurde, der die Forderungen 
einer gesunden menschlichen Empfindung mit Füßen tritt. 
—A 
Der typische Professor der alten Zeit ist ausgestorben; 
scharfgeschnittene Professorenphysiognomien fehlen auch 
heute nicht, in Berlin weniger als an andern AUniversi⸗ 
täten, und haben auch früher nicht gefehlt. Ich erinnere 
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