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Der Milchmann

Full text: Aus guter alter Zeit / Meyer, Alexander (Public Domain)

Der Milchmann 
u jedem geordneten Hausstand steht eine mehr oder 
3 weniger zahlreiche Klientel in einem festen Ver—⸗ 
hältnis. Wäscherin und Plätterin, Flickschneider und 
Stopferin, das alles sind Personen, die wir uns nicht 
„von Fall zu Fall“ aufsuchen, sondern von denen wir 
erwarten, daß sie mit der Regelmäßigkeit des Kalenders 
sich in bemessenen Fristen von selbst einstellen und nach 
unsern Wünschen fragen. Sie erwerben sich im Laufe 
der Zeit eine respektable Kenntnis von unsern Familien⸗ 
verhältnissen und tragen das Ihrige dazu bei, diese 
Kenntnis auch in weiteren Kreisen zu verbreiten, und 
wenn uns das nicht immer ganz angenehm ist, so leisten 
— 
daß sie auch uns einige Kenntnisse über solche Familien 
mitzuteilen suchen, die uns völlig gleichgültig sind. 
Alle patriarchalischen Verhältnisse lockern sich infolge 
der neueren Entwicklung unsrer Wirtschaft. Ich habe 
in einem früheren Artikel gezeigt, wie der Holzhauer 
allmählich zugrunde gegangen ist; ich fürchte, daß den 
Milchmann in längerer oder kürzerer Zeit dasselbe 
Schicksal erreichen wird. Der Milchpächter, eine Schöpfung 
der neueren Zeit, führt einen Vernichtungskrieg gegen ihn. 
Und was er früher gewesen ist, ist er schon längst nicht mehr. 
In meinen Kinderjahren war sein Verhältnis zu der 
Familie ein viel engeres als heute; er war in der Familie 
erblich, aktiv wie passiv. Er ging nur ab, wenn er sich 
zur Ruhe setzte, und an seine Stelle trat, ohne daß es 
einer weiteren Nachfrage bedurft hätte, sein Sohn oder 
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