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II. Technik der Berufsvormundschaft 5. Der laufende Unterhalt des Kindes

Full text: Pastor Pfeiffers Berufsvormundschaft / Israël, Carl (Public Domain)

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scheidung, ob überhaupt ein Wechsel eingetreten ist, nach allgemeinen Grundsätzen 
eine nur vorübergehende Veränderung der Lebensverhältnisse außer Betracht bleibt. 
Der Unterhalt des Kindes soll der Lebensstellung der Mutter entsprechen. 
Das soll heißen: das Kind soll so erzogen werden können, wie Kinder dieses 
Standes gewöhnlich erzogen werden. Nach Vorstehendem heißt es aber tat⸗ 
sächlich: das Kind hat den Unterhalt zu beanspruchen, der an dem Ort, wo die 
Mutter augenblicklich tätig ist, für Kinder von Frauen aus dieser Verdienststufe 
aufgewandt werden muß. Seine Forderung richtet sich nach den Pflegesätzen, 
die an dem Ort gelten, wo zur Zeit der Urteilsfällung die Mutter ihren 
dauernden Aufenthalt hat. Kommt daher eine Frau nur zu ihrer Entbindung 
nach Berlin, so nützt dies dem Kind nichts, es kommen die meist geringeren 
Sätze der Heimat der Mutter zur Anwendung. Bleibt die Mutter in Berlin, 
und das Kind wird dauernd außerhalb in Pflege gegeben, so kommt dies doch 
dem Vater nicht zustatten: wenn auch für das Kind in Wirklichkeit weniger 
zebraucht wird, so hat er doch die Berliner Sätze zu zahlen. Das ist natürlich 
eine Härte. Eine noch größere ist aber die, daß folgendes möglich ist: die 
Mutter aus einem kleinen Dorf läßt ihr Kind dauernd in Pflege in Berlin, 
wohin sie nur zu ihrer Entbindung gekommen ist. Der Vater hätte nur die 
niedrigen Pflegesätze zu zahlen, die auf dem Lande üblich sind. Er muß aber 
zum mindesten für den notwendigen Unterhalt des Kindes aufkommen, und da 
niemand die Mutter zwingen kann, ihr Kind aus der vielleicht vorzüglichen 
Pflegestelle in Berlin zu entfernen, so muß er verurteilt werden, die Berliner 
Mindestsätze zu leisten! 
Die ganze Erörterung zeigt, daß 8 1708 so für die Praxis nicht brauchbar 
ist. Die Regelung, die er der Unterhaltsfrage gibt, ist aber nicht nur unpraktisch, 
sie ist auch nicht einmal gerecht. Das läßt sich an einem krassen Beispiel leicht 
beweisen: die Tochter eines Großindustriellen läßt sich mit dem Liftboy ein; der 
Lebensstellung der Mutter entsprechend muß dieser verurteilt werden, für das 
Kind monatlich etwa 300 M. zu zahlen. Der Sohn desselben Großindustriellen 
ist der Vater des Kindes des Hausmädchens: er bezahlt mit 300 M. den Unter⸗ 
halt des Kindes für ein ganzes Jahr! Ein Gesetz, das zu solchen Entscheidungen 
zwingt, ist reif für eine gründliche Abänderung. 
Erscheint der Vater vor dem Vormundschaftsgericht nicht, so fragt es sich, 
ob Klage erhoben werden kann. Voraussetzung ist erstens, daß sein Wohnort zu 
ermitteln ist. Es wäre ganz interessant, einmal festzustellen, wie lange es in den 
einzelnen Fällen dauert, bis eine Mutter, die ein einzigesmal mit einem an— 
geblichen Herrn Schulze oder Krause oder Lehmann „aus der Ackerstraße Nr. ?“ 
zusammengekommen ist, sich davon überzeugen läßt, daß der Mann ihr einen 
alschen Namen angegeben hat! Noch Jahre nach der Einstellung von vorn⸗ 
herein aussichtsloser Nachfragen (die Wohnungsangabe genügt nicht, das Nationale 
ist unbekannt) kommen die Klagen, daß der Vormund gar nichts gegen den 
lage.
	        
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