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I. Geschichte der Berufsvormundschaft

Full text: Pastor Pfeiffers Berufsvormundschaft / Israël, Carl (Public Domain)

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belief. So blieb denn nichts weiter übrig, als die Arbeit gewaltig ein— 
zuschränken. 
Zunächst erging deshalb an alle Dezernenten die Generalverfügung, daß 
nach Möglichkeit Vormundschaften über solche Kinder, die unsere Hilfe am ehesten 
entbehren konnten, abzugeben seien. Für abgabereif sollten insbesondere die Fälle 
erachtet werden, bei denen die Alimentationsfrage definitiv geregelt und das 
Verfahren zur Beitreibung der Unterhaltsbeiträge zu einem vorläufigen Stillstand 
gekommen, bei denen auch eine Garantie dafür gegeben sei, daß die Pflegestellen 
der Kinder anderweit dauernd kontrolliert würden. Die Verfügung, die am 
4. Dezember 1906 erging, daß vornehmlich, auch die Vormundschaft über Waisen— 
kinder der Stadt Berlin abgegeben werden solle, die voraussichtlich dauernd 
außerhalb untergebracht seien, wurde bald darauf zurückgezogen, als die Stadt 
uns eröffnete, daß dies Unzuträglichkeiten für sie zur Folge habe. Mit der 
Abgabe bereits geführter Vormundschaften allein konnte aber einem weiteren 
Anwachsen der Arbeit nicht vorgebeugt werden, es war nötig, auch die Zahl der 
neu zu übernehmenden Albten erheblich zu verringern, damit die Stetigkeit der 
Tätigkeit gewahrt bliebe. Mit Rücksicht auf die am 1. Juni 1906 in Kraft 
tretende Neuorganisation der Gerichte wurde daher am 11. Mai 1906 allen 
Abteilungen des Amtsgerichts J Berlin mitgeteilt, daß die Berufsvormundschaft 
vom 1. Juni 1906 an grundsätzlich nur mit dem Amäisgericht Berlin-Mitte 
zusammenarbeiten werde, ferner, daß die Bestellung zum Vormund über die in 
der Charité oder Frauenklinik geborenen Kinder von jetzt ab nur in den Fällen 
erwünscht sei, in denen wir dies bisher schon erbeten hätten oder noch erbitten 
würden. Wir stellten die Bitte aber nicht mehr sofort dann, wenn sich aus den 
Personalnotizen die Zuständigkeit des Amtsgerichts Berlin-Mitte ergab, sondern 
erst, wenn die Mutter auf dem Bureau erschienen war, um uns um Übernahme 
des Amtes zu bitten. Andererseits blieb es dabei, daß keine bittende Mutter 
abgewiesen wurde: Pastor Pfeiffer ließ sich durch die Rechtshilfeabteilungen des 
Amtsgerichts Berlin⸗Mitte nach wie vor in Ausnahmefällen zum Vormund auch 
bei anderen Gerichten Groß⸗Berlins verpflichten. Erschien dagegen die Mündel—⸗ 
mutter auf der Geschäftsstelle nicht, um ihre Bitte auf Übernahme vorzutragen, 
so wurden ihre Personalnotizen an das jeweils zuständige Gericht ohne Antrag 
abgeschickt. Im übrigen wurden nunmehr vielfach Vormundschaften auch über 
Kinder angenommen, die nicht in einer der beiden Anstalten geboren waren, die 
aber unter die Kontrolle gerade des Berufsvormunds zu stellen, die Vormund— 
schaftsrichter nach Lage der Sache für geboten hielten. Neben diesen Bestrebungen, 
die Arbeit einzudämmen, konnte natürlich keine Rede davon sein, die Arbeit auf 
andere Gebiete auszudehnen. Wir mußten daher Ausgang des Jahres 1906 der 
Anregung der Amtsgerichte Berlin⸗Tempelhof und Schöneberg, auch für die zu 
ihrem Bezirk gehörigen Ortsteile von Berlin die Berufsvormundschaft einzurichten, 
zu unserem größten Bedauern die Gefolgschaft versagen.
	        
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