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Full text: Die Brautwahl / Hoffmann, E. T. A. (Public Domain)

16 — 
Aber so wie er mit geballter Faust auf eine Rettigscheibe schlug, 
sprang klappernd ein schön ausgeprägtes flimmerndes Goldstück hervor, 
das er faßte und dem Goldschmidt zuwarf. Doch, so wie dieser das 
Goldstück auffing, zerstaübte es in tausend knisternde Funken. Das schien 
den Alten zu ärgern, immer rascher und stärker prägte er die Rettig— 
scheiben aus, immer prasselnder zersprangen sie in des Goldschmidts Hand. 
Der Geheime KanzleiSekretär war ganz außer sich — betaübt 
von Entsetzen und Angst; endlich raffte er sich mit Gewalt auf aus 
der Ohnmacht, der er nahe war, und sprach mit bebender Stimme: 
„Da will ich mich doch den hochzuverehrenden Herren lieber ganz ge— 
horsamst empfehlen,“ sprang (10), nachdem er Hut und Stock ergriffen, 
schnell zur Thüre heraus. 
Auf der Straße hörte er, wie die beiden Unheimlichen hinter ihm 
her eine gellende Lache aufschlugen, vor der ihm das Blut in den Adern 
gefror. 
Zweites Kapitel. 
Worin erzählt wird, wie eines Zigarros halber, der nicht brennen wollte, sich ein 
Liebesverständniß erschloß, nachdem die Verliebten schon früher mit den Köpfen an 
einander gerannt. 
Auf weniger verfängliche Weise, als der Geheime KanzleiSekretär 
Tusmann, hatte der junge Maler Edmund Lehsen die Bekanntschaft des 
alten wunderlichen Goldschmidts Leonhard gemacht. 
Edmund entwarf gerade an einer einsamen Stelle des Thiergartens 
eine schöne Baumgruppe nach der Natur, als Leonhard zu ihm trat, 
und ohne Umstände ihm über die Schulter ins Blatt hineinsah. 
Edmund ließ sich gar nicht stören, sondern zeichnete ämsig fort, bis der 
Goldschmidt rief: „Das ist ja eine ganz sonderbare Zeichnung, lieber 
junger Mann, das werden ja am Ende keine Baüme, das wird ja ganz 
etwas anderes.“ 
„Merken Sie etwas, mein Herr?“ sprach Edmund mit leuchtenden 
Blicken. 
„Nun,“ fuhr der Goldschmidt fort, „ich meine, aus den dicken 
Blättern da kukten allerley Gestalten heraus im buntesten Wechsel, bald 
Genien, bald seltsame Thiere, bald Jungfrauen, bald Blumen. Und 
20) alsbald
	        
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