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Erzählungen Ludwigs Wahl

Full text: Berliner Skizzenbuch / Heijermans, Herman (Public Domain)

Ludwigs Wahl. 
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In einer anderen Setzerei glückte es ebenso 
wenig. Das scheue, welke Kerlchen, das schon 
in der Schule immer gequält und gehänselt worden 
war, wurde von den gesunden, ausgelassenen 
Lehrjungen aufgezogen. Sein Frühstücksbeutelchen 
war fort oder mit alten Lumpen angefüllt — sein 
Fläschchen mit Milch und Wasser, das ihm Mutter 
mitgegeben, hielten sie unter die Wasserleitung. „Das 
ist mir 'ne schöne Geschichte mit dir,“ klagte die 
Witwe, „du bist doch fast schon erwachsen — allein 
kann ich das Brot nicht verdienen. Das sollte 
dein Vater mal sehen, wie du es treibst ...“ 
Ludwig sank bei solchen Worten in der Ofenecke 
immer mehr zusammen, schlang die mageren Hände 
um die Knie, horchte auf die Vorwürfe und neigte 
sich so tief vornüber, daß nur noch sein knöcherner 
Hinterkopf und die bleichen Ohren zu sehen waren. 
Schweigsam kaute er vor'm Zubettgehen seine 
dicken Butterbrote und sprach kein Wort, ängstlich 
vor dem massiven Auftreten der Frau. Vierzehn 
Tage lang schien er bei einem Zimmermann, 
der auch Särge herstellte, auf seinem richtigen Posten 
zu sein. Das Behobeln des rohen Holzes, das 
Reinigen der Werkstätte, das Einstopfen der 
Hobelspäne in die Säcke, besorgte er ordentlich und 
ruhig, und keiner der älteren Gesellen dachte daran, 
den Lehrjungen irgendwie zu schikanieren. Aber 
weil er eines Mittags, während er allein alles zu 
beaufsichtigen hatte — es war gerade eine besonders 
eilige Zeit für kleinere Hausarbeiten und Särge — 
Heijermans, Slizzenbuch.
	        
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