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Elfter Abschnitt. Fortbildungsschulwesen

Full text: 25 Jahre sozialdemokratischer Arbeit in der Gemeinde / Hirsch, Paul (Public Domain)

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dieser Weg, der nicht bloß die Intelligenz, sondern auch den Willen der 
jungen Leute erzieht, wäre vorzuziehen, und wir sollten ihn festhalten als 
einen historisch gewordenen und bewährten.“ 
Auch im Ausschuß bekämpfte der Stadtschulrat den Antrag aufs 
heftigste. Er bezeichnete es als ungerechtfertigt, andere Städte mit obliga— 
torischen Fortbildungsschulen Berlin gegenüber als vorbildlich hinzustellen. 
Wenn es anderen Städten nicht beschieden gewesen sei, ihre Fortbildungs— 
schulen so einzurichten, daß sie freiwillig aufgesucht würden, dann könnten 
diese ja immerhin zum Zwange schreiten. Die Stadt Berlin aber möge 
den so glücklich betretenen Weg weiter gehen und die in dem Alter der 
selbständigen Entwickelung stehenden jungen Leute nicht noch zwingen wollen, 
denn dann könne sie nicht Männer erziehen, die aus eigener Überzeugung 
das Gute erstreben. Berlin möge weiter dafür sorgen, daß diese jungen 
Leute das erhielten, was sie für nötig befänden. Für diejenigen, die nicht 
weiter lernen wollen, möge die Gesetzgebung erweitert, die Zwangserziehung 
verschärft werden, während diejenigen, die nicht weiter lernen können, weil 
sie erwerben müssen, vielleicht später nachholen werden, was sie in schwierigen 
Lebenslagen nicht haben erlernen können. Die stetige Steigerung der 
Frequenz in den Fortbildungsschulen, die nicht nur Schritt hielten mit dem 
Wachstum der Bevölkerung, sondern dieses bedeutend überstiegen, berechtige 
zu den größten Hoffnungen; das könne von niemandem bestritten werden und 
sei auch nicht bestritten worden. Keine Stadt der Welt habe ein so aus⸗ 
gedehntes Fortbildungsschulwesen, keine Stadt könne so in die Bedürfnisse der 
einzelnen Gewerbe eindringen, wie Berlin. Weshalb wolle man nun ver— 
suchen, eine derartig ausgebildete Organisation, deren Grundlage die freie 
Fortbildung sei und die ihren Weg fortschreite, indem sie die Gesamtheit 
der Bedürfnisse ins Auge fasse und stets bestrebt sei, den Kreis der Personen 
zu erweitern, welche aus der Wohltat der Fortbildungsschulen Nutzen 
ziehen wollen, durch eine andere — den Zwang — zu ersetzen, von 
deren Gestaltung man überhaupt noch keine feste Vorstellung habe? Man 
solle das angefangene Werk sich weiter entwickeln lassen, dann werde 
es sich schließlich so gestalten, daß an Stelle des Zwanges die 
Sitte trete, wie das auch bei den Handwerkerschulen so segensreich der 
Fall sei. 
Der Ausschuß pflichtete diesen Darlegungen in vollem Umfange bei, 
es wurde nur noch hinzugefügt, daß der neben der fakultativen eingerichteten 
obligatorischen Fortbildungsschule von Anfang an der Stempel der Minder⸗ 
wertigkeit ihrer Schüler aufgedrückt und ihre Einrichtung schon aus diesem 
Grunde zu vermeiden sei. Dann wurde der Antrag kurzer Hand mit 12 
Stimmen gegen die der beiden sozialdemokratischen Ausschußmitglieder ab⸗ 
gelehnt, und ebenso beschloß das Plenum am 16. Dezember 18097. 
Aber mit der Zeit brach sich der Gedanke des wiederholt abgelehnten 
sozialdemokratischen Antrags den Gegnern zum Trotz dennoch Bahn. Am 
5. Februar 1902 reichte die Fraktion ihren Antrag vom 18. September 1897 
von neuem ein. 
Diesmal konnte sich der Redner der Fraktion, Bruns, der am 
3. April zur Begründung des Antrags an die veränderten sozialen Ver— 
hältnisse und an die schlechten Erfolge des Volksschulunterrichts erinnerte 
und schlagend die Notwendigkeit der Einführung des obligatorischen Fort⸗
	        
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