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Zehnter Abschnitt. Schulgesundheitspflege

Full text: 25 Jahre sozialdemokratischer Arbeit in der Gemeinde / Hirsch, Paul (Public Domain)

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Der Ausschuß einigte sich in zwei Sitzungen, unter Ablehnung einiger 
weitergehenden Anträge der Vertreter der Sozialdemokratie, dahin, dem 
Plenum folgende Fassung vorzuschlagen: 
Die Versammlung empfiehlt den Antrag Barth dem Magistrat zur 
Berücksichtigung. Sie ersucht den Magistrat, versuchsweise im Anschluß 
an ein Krankenhaus für einen Schulkreis eine Zahnklinik zu errichten. 
Die Versammlung ersucht den Magistrat, zu erwägen, ob zwecks 
Behandlung zahnkranker Schulkinder besondere Einrichtungen notwendig 
sind und eventuell Mittel hierfür in den Etat einzustellen.“ 
Zu den Rednern, die bei der Plenarberatung am 23. April 1908 für 
den Ausschußantrag eintraten, gehörte auch Dr. Weyl, der u. a. ein 
Amendement Dr. Ritter befürwortete, wonach Anspruch auf unentgeltliche 
Behandlung nur die von den Organen der Schuldeputation als bedürftig 
bezeichneten Kinder haben sollten, und mit besonderer Schärfe die von 
anderer Seite gegebene Anregung bekämpfte, die Eltern der Kinder auf 
die Armenpflege zu verweisen. Das bedeute. die Menschen degradieren 
und demoralisieren. 
„In dieser Hinsicht lassen wir nicht mit uns reden, und Sie werden 
mir beistimmen: es wird keinen Vater eines Berliner Schulkindes geben, 
der sein höchstes Ehrenrecht, sein Wahlrecht, opfert nur zu dem Zwecke, 
damit sein Kind ordentliche Zähne bekommt. Also davon kann unter 
keinen Umständen die Rede sein ... 
Insbesondere bitte ich zu berücksichtigen, daß die Durchführung des 
Ausschußantrages nur verhältnismäßig geringe Mittel in Anspruch 
nimmt, selbst wenn es sich darum handelt, durchgreifende Erfolge zu 
erzielen. Wir meinen, die geforderten Opfer rechtfertigen sich im Inter⸗ 
esse unserer Stadt, ja unseres Staates. Wir meinen, daß eine Gemeinde 
das, was sie an ihren Kindern versäumt, zwei- und dreifach nachher bei 
den Erwachsenen zahlen muß, mag es bei dem Etat der Kranken- oder 
der Armenpflege sein. Wir glauben: selbst vom rein fiskalischen Stand⸗ 
punkte sollte man den Satz vertreten, daß es für ein vernünftig geleitetes 
Gemeinwesen — als ein solches sehe ich Berlin immerhin an — keine 
wirtschaftlichere Kapitalsanlage gibt, als die Ausgaben für die öffent⸗ 
liche Gesundheitspflege, insbesondere wenn die Kosten für die gesund— 
heitlichen Interessen unserer Kinder in Anspruch genommen werden.“ 
Trotz dieser warmen Befürwortung begnügte sich die Versammlung 
mit der Annahme des ersten Satzes des ersten Absatzes des Ausschuß⸗ 
antrages, während sie von der versuchsweisen Einrichtung einer Zahnklinik 
nichts wissen wollte, ein Beschluß, der um so bemerkenswerter für die Rück⸗ 
ständigkeit der Berliner Verwaltung ist, als kurz vorher erst eine Reihe 
anderer Städte Schulzahnkliniken eröffnet hatten. 
Ein wie großes Verdienst sich die Sozialdemokraten mit ihrer Anregung 
auf Anstellung von Schulärzten erworben haben, das dürften heute auch 
ihre erbittertsten Gegner eingesehen haben. Man nehme nur die Berichte 
der Berliner Schulaͤrzte zur Hand, und man wird finden, welche Fülle 
von Not und Elend in den trockenen Zahlen der Arzte zutage tritt. Mußten 
doch nach dem neuesten Bericht für 1906/07 von 35 481 Schulanfängern 
nicht weniger als 1139 wegen ungenügenden Kräftezustandes, 158 wegen 
Skrofulose und 172 wegen Lungentuberkulose zurückgestellt werden! Von 
diesen Schulanfängern wurden in Äberwachung genommen: 
Hirsch, Jubiläum.
	        
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