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Erster Teil. Vorträge über das Entwicklungsproblem Erster Vortrag (13. Febr.). Die Entwicklungslehre als naturwissenschaftliche Hypothese und Theorie

Full text: Der Kampf um das Entwicklungs-Problem in Berlin / Wasmann, Erich (Public Domain)

Erster Vortrag. Die Entwicklungslehre als naturwissenschaftliche Theorie. 
Ich mache darauf aufmerksam, wie hier gerade die Anpassungs- 
Dedingungen an die myrmekophile und termitophile Lebensweise 
es waren, die mit großer Wahrscheinlichkeit zur Bildung neuer 
Arten, Gattungen und Familien bei den Ameisengästen und 
Termitengästen geführt haben, und zwar bei Tieren, die zu den 
allerverschiedensten Familien und Ordnungen der Insekten gehören. 
In einigen Fällen (Thaumatoxena) sind die Organisationsmerkmale 
sogar in so hohem Grade durch die Anpassung verändert worden, 
daß wir die Insektenordnung, der dieses sonderbare Wesen angehört, 
kaum mehr feststellen können. In andern Fällen (Termitomyia) ist 
die ganze individuelle Entwicklung in einer Weise umgestaltet, daß 
sie mehr derjenigen eines lebendig gebärenden Säugetiers als derjenigen 
einer Fliege gleicht. Die von den Konstanztheoretikern oft wiederholte 
Behauptung, daß durch Anpassungsvariation nur neue «Spielarten» 
innerhalb der Art sich gebildet haben können, ist somit unhaltbar. 
Welche Schlußfolgerungen sollen wir nun hieraus ziehen? Wenn 
wir solche Erscheinungen, wie die eben geschilderten, aufmerksam 
betrachten, werden wir sagen: offenbar kann nur die Entwicklungs- 
theorie uns erklären, wie diese interessanten Formen zu stande 
kamen. Damit daß man sagt: die sonderbaren Tierchen, z. B. 
die Ameisenaffen (Mimeczıton), sind von Gott unmittelbar geschaffen 
für diese oder jene Ameisenart, kommen wir wissenschaftlich nicht 
weiter. Das Prinzip der Entwicklungstheorie ist das 
sinzige, das uns hier eine natürliche Erklärung der 
Erscheinungen an die Hand gibt; darum nehmen wir es an. 
Aber wie weit sollen wir es denn annehmen? Nun, so weit als 
seine Anwendung auf tatsächliche Beweise sich stützt. 
Für die Beantwortung der Frage, wie weit dies der Fall sei, 
müßte ich auf viele andere Beispiele auf andern Gebieten übergreifen; 
ich glaube aber als Resultat nicht bloß meiner, sondern auch fremder 
Forschungen, die sich mit dem näheren Studium der Anpassungs- 
erscheinungen überhaupt und mit der phylogenetischen Entwicklung 
im einzelnen beschäftigt haben, folgendes feststellen zu können. 
Für die Arten derselben Gattung, die Gattungen derselben 
Familie, manchmal auch für die Familien derselben Ordnung, ja 
selbst für Ordnungen derselben Klasse finden sich recht wahr- 
scheinliche Beweise für die Entwicklungstheorie. Hier bieten 
sich uns wirklich tatsächliche Anhaltspunkte für die Stammes- 
verwandtschaft der betreffenden Formen. Aber je höher wir hinauf- 
steigen in den systematischen Kategorien, je mehr wir uns den 
vsroßen Haupttypen des Tierreiches nähern, desto spärlicher werden
	        
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