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Nachwort

Full text: Der Kampf um das Entwicklungs-Problem in Berlin / Wasmann, Erich (Public Domain)

Erster Teil. Vorträge über das Entwicklungsproblem. 
die indirekten. Direkte Beweise sind jene wenn auch schwachen 
Spuren von Umbildung der Arten, die wir heutzutage noch wahr- 
nehmen, wie sie u. a. der Botaniker Hugo de Vries in seiner 
Mutationstheorie nachgewiesen hat. Er zeigte z. B. bei der Pflanzen- 
gattung Oenothera, Königskerze, daß hier heute noch neue Formen 
entstehen, die sich wie wirkliche Arten verhalten. Anderseits ist 
gegen diese Mutationstheorie, und zum Teil nicht ohne Grund, der 
Einwand erhoben worden, daß die Mutation nicht von so großer 
Bedeutung sei, wie de Vries glaube. So hat z. B. Standfuß bei 
seinen zahlreichen Experimenten über Schmetterlingszüchtungen fest- 
gestellt, daß die Mutation als artbildender Faktor kaum in Betracht 
komme. Auch die fluktuierende Variation, welche die sog. zu- 
fälligen Abänderungen Darwins umfaßt, kann nach Standfuß kaum 
zur Artenbildung führen. Nach seiner Ansicht sind hierfür nur die 
adaptiven Variationen, die auf Anpassung beruhenden Abänderungen, 
welche durch bestimmte äußere Ursachen veranlaßt werden und sich 
vererben, von wirklicher Bedeutung. Was wir unter Anpassungs- 
abänderungen zu verstehen haben, und wie sie zur Bildung neuer 
Arten, Gattungen usw. führen können, das werden Ihnen nachher die 
Lichtbilder durch Beispiele aus meinem Fachgebiete näher erläutern. 
Nun noch ein paar Worte über die indirekten Beweise. Da 
geht der Naturforscher, der sich ein Urteil über Entwicklung der 
Arten bilden will, wie ein gewandter Staatsanwalt vor, der einen An- 
geklagten überführen muß. Bei der Ausübung der Tat, die man dem 
Manne zuschreibt, ist niemand zugegen gewesen. Deshalb sammelt 
der Staatsanwalt von allen Seiten Indizienbeweise gegen den 
Angeklagten, und je mehr sie sich häufen, um so enger zieht sich 
die juristische Schlinge um den Hals des Delinquenten zusammen. 
50 ist es auch mit den indirekten Beweisen in der Entwicklungs- 
theorie. Sie werden geschöpft aus der vergleichenden Formenlehre 
Morphologie), aus der vergleichenden Anatomie, aus der verglei- 
chenden individuellen Entwicklungsgeschichte, aus der vergleichen- 
den Bionomie (Lebensweise), aus der Tiergeographie und nament- 
lich aus der Paläontologie. Diese letztere Beweisquelle will ich 
durch einige Beispiele gleich erläutern. Es gibt Hunderte von 
Ameisenarten, die uns aufbewahrt sind als Fossilien im tertiären 
Bernstein der Ostsee und Siziliens. Da finden wir zahlreiche Gat- 
tungen vor, die heute noch leben, aber kaum Arten, die identisch 
sind mit den unsrigen. Wir werden da schwerlich umhin können 
anzunehmen, daß die Ameisenarten der Gegenwart Nachkommen 
jener fossilen Verwandten sind, daß sie somit durch natürliche
	        
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