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Full text: Die besten Bücher zur Klimakrise 2022 (Rights reserved)

arbeitspapiere | 61 n e t s e Die b r u z r e Büch e s i r k Klima 2022 Zehn Bücher im Fokus Mit einem Vorwort von Carmen Bayer I N H A L T IMPRESSUM JBZ-ARBEITSPAPIERE ist eine Reihe der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen und wird seit 2010 regelmäßig publiziert. Der Fokus liegt auf der wissenschaftlichen Aufarbeitung zukunftsweisender Debatten. Alle Publikationen sind im Sinne von Open-Access digital frei verfügbar. Erstellt als Teil der Klima- und Energiepartnerschaft „Salzburg 2050“. 3 ZEHN BESTE KLIMABÜCHER DES JAHRES 2022 IPCC (Hg.) 5 www.jungk-bibliothek.org © 2022 Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen, Salzburg Climate Change 2022 Dipesh Chakrabarty 8 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Einleitung Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter Jason Hickel 10 Weniger ist mehr Sara Schurmann 13 Klartext Klima! Ulrike Herrmann 16 Das Ende des Kapitalismus Greta Thunberg 19 Alle Rechte vorbehalten. Das Klima-Buch von Greta Thunberg Lea Dohm · Mareike Schulze Texte: Carmen Bayer, Hans Holzinger, Magdalena Mühlböck, Stefan Wally 22 Grafische Konzeption: Eric Pratter Layout/Satz: Katharina Kiening Gesamtherstellung: Print Alliance, Bad Vöslau 25 ISBN 978-3-902876-56-0 28 Klimagefühle Club of Rome (Hg.) Earth for All Klaus Wiegandt (Hg.) Klima im Kopf KLIMA° vor acht e.V. (Hg.): 31 Medien in der Klima-Krise E I N LE I T U N G · C A R M E N B AY E R Dringlichkeit und Hoffnung Die Zeit drängt. Darauf verweisen auch die Publikationen, die in der 2022er-Ausgabe der jährlichen Reihe „Die besten Bücher zur Klimakrise“ vorgestellt werden. Wie etwa der aktuelle IPCC Bericht, der eine Verkürzung des Zeitfensters für den Wandel hin zur nachhaltigen Lebensweise konstatiert. Er integriert, ebenso wie die neue Veröffentlichung des Club-of-Rome-Reports, stärker als bisher Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und zeigt Zusammenhänge und Potentiale auf. Denn, wenngleich sich unsere Frist zur Umsteuerung verkleinert, so gibt es nach wie vor Hoffnung, wie der Wirtschaftsanthropologe und Journalist Jason Hickel betont. In seinem Buch „Weniger ist mehr“ analysiert er die tieferen Ursachen der Krise und führt diese auf unsere dualistische Denkweise bei der Trennung von Geist und Körper, menschlichen wie nicht-menschlichen Wesen sowie Zivilisation und Natur zurück. Es gelte, so Hickel, den aus dieser Idee heraus gewachsenen Kapitalismus zu überwinden und neue Definitionen von Wohlstand zu finden, die uns über große wie kleine Reformen schrittweise in eine andere Wirtschaft führen werden. Eine Kerbe, in welche auch Ulrike Hermann mit „Das Ende des Kapitalismus“ schlägt. Die Einsicht, dass mit einem „Weiter wie bisher“ die Krise kaum zu lösen ist und wir uns als Menschheit im Zusammenspiel von Natur und Umwelt neu verorten sollten, wird im Buch des Historikers Dipesh Chakrabarty „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ besonders deutlich. Die menschliche Handlungsmacht liegt im Zeitalter des Anthropozäns nicht nur JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 3 im Schreiben von Geschichte, sondern zeigt sich zudem besonders stark darin, wie sehr wir Menschen den Lebensraum prägen und verändern. Darüber hinaus rückten 2022 auch die Bereiche der Klimakommunikation und Umweltpsychologie stärker in den öffentlichen Fokus. Bücher wie „Medien in der Klimakrise“, „Klimagefühle“ oder „Klima im Kopf“ thematisieren neben Aufgaben und Problemen des Journalismus im Kontext der Klimaberichterstattung auch psychologische Bedingungen für einen gelingenden Wandel. Für eine gut verständliche und sachliche Darstellung der Klimakrise setzen sich auch die Autorinnen Greta Thunberg und Sara Schurmann in ihren Publikationen „Das Klimabuch von Greta Thunberg“ bzw. „Klartext Klima!“ ein. Die Zeit drängt. Und doch hinterlassen die diesjährigen Klimabücher einen handlungsaktivierenden, einen hoffnungsvollen Eindruck. „Wie denn, ohne Hoffnung“, fragte Robert Jungk einst, um sich zugleich beständig für Wandel einzusetzen, Diskurse zu eröffnen oder zu begleiten. Das machen die nachfolgend präsentierten Autor:innen und Bücher ohne Zweifel auch. 4 ZEHN BESTE KLIMABÜCHER DES JAHRES 2022 IPCC (Hg.) Climate Change 2022 IPPC (Hg.): Climate Change 2022: Impacts, Adaption and Vulnerability. Summary for Policymakers. Working Group II contribution to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Februar 2022. 3675 Seiten, Kurzfassung 40 Seiten. Kostenfrei abrufbar unter www.ipcc.ch Der Ende Februar 2022 erschienene neue Teilbericht des UN-Klimarates ist aufgrund des Krieges in der Ukraine beinahe untergegangen, enthält The rise in weather and climate extremes has led to some irreversible impacts as natural and human systems are pushed beyond their ability to adapt. jedoch brisante Daten, die eine Verkürzung der Frist für die Umsteuerung nahelegen. Der Beitrag der Arbeitsgruppe II zum sechsten Sachstandsbericht des IPCC bewertet die Auswirkungen des Klimawandels und betrachtet Ökosysteme, Biodiversität und menschliche Gemeinschaften auf globaler und regionaler Ebene. Er überprüft auch Schwachstellen sowie die Kapazitäten und Grenzen der natürlichen Welt und der menschlichen Gesellschaften, sich an den Klimawandel anzupassen. Ein inhaltlicher Überblick Einer Einführung in den Forschungsrahmen (Kap. 1) folgen Analysen zu den Auswirkungen und Risiken des Klimawandels auf Land- und Süßwasserökosysteme (Kap. 2), Meeres- und Küstenökosysteme (Kap. 3), den globalen Wasser- JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 5 kreislauf (Kap. 4) und ihre jeweiligen Dienste sowie Anpassungsoptionen zur Verringerung der Risiken. Danach werden die Auswirkungen und Risiken des Klimawandels auf Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Aquakultur (Kap. 5), Städte, menschliche Siedlungen und wichtige Infrastrukturen (Kap. 6) sowie die prognostizierten Risiken für Gesundheit und Wohlbefinden (Kap. 7) inklusive der Optionen für die Anpassung erörtert. In den Folgekapiteln geht es um die am stärksten gefährdeten und marginalisierten Menschen und Gruppen (Kap. 8), die spezifischen Auswirkungen in den einzelnen Weltregionen (Kap. 9-14) sowie auf kleine Inseln (Kap. 15). Kapitel 16 fasst die wichtigsten Risiken zusammen, die über Sektoren und Regionen hinweg identifiziert wurden. Danach werden die Optionen, Prozesse und Rahmenbedingungen für das Klimarisikomanagement in verschiedenen Kontexten behandelt (Kap. 17). Kapitel 18 bewertet schließlich die Art und Weise, wie Klimaauswirkungen die klimaresistente Entwicklung in verschiedenen sektoralen und regionalen Kontexten behindern, sowie die Möglichkeiten, diese zu erreichen. Zusammenhang zwischen Klimawandel, Artenvielfalt und Gesellschaft Mehr als 3,3 Milliarden Menschen werden in hohem Maße von den Auswirkungen der Klimakrise – unter anderem Hitze, Dürre, Überschwemmungen, Wassermangel – betroffen sein. Der Bericht zeigt auch den Zusammenhang zwischen Klimawandel, Artenvielfalt und Gesellschaft auf. Es wird empfohlen, dass 30 bis 50 Prozent der Ökosysteme weltweit, also Land- und Meeresflächen, vor starken menschlichen Eingriffen geschützt werden. Aktuell gelten 15 Prozent der Land- und 8 Prozent der Wasserflächen als geschützt. Die extremen Naturereignisse der jüngsten Vergangenheit sind die ersten Konsequenzen der globalen Erwärmung. Über das Ausmaß künftiger Katastrophen informiert der Bericht ebenfalls: Immer mehr Wetterextreme werden gleichzeitig auftreten – Dürren, Hitzewellen und Brände einerseits, Fluten und Überschwemmungen andererseits. Die Toleranzschwelle für einige Tiere und Pflanzen wird dadurch überschritten, das Artensterben nimmt weiter zu. Das wird weitere Bäume und Korallen treffen, wodurch 6 wichtige Ökosysteme zerstört werden. Das Ungleichgewicht bringt weitere Extreme hervor, die ein weiteres Sterben verursachen, das weiteren Lebensraum zerstört. Dieser abstrakte Kreislauf bedeute konkret: Millionen Menschen fehlt dann die Lebensgrundlage in ihren Heimatländern. Laut IPCC werden insbesondere Länder in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika sowie kleinere Inseln und die Arktis von akuter Ernährungs- und Wasserunsicherheit betroffen sein. Viele Menschen werden aufgrund dieser Entwicklung aus ihrer Heimat flüchten – in Länder, denen die globale Erwärmung dann noch nicht so zugesetzt haben wird. Fazit: Es bleibt aufgrund der globalen Erwärmung zu wenig Erde für zu viele Menschen. Mehr Anstrengungen für vulnerable Gruppen gefordert Neben Maßnahmen, die globale Erwärmung aufzuhalten, braucht es daher Pläne, wie wir in dieser veränderten Umwelt überleben und leben können, so der IPCC-Bericht. Dazu stellt der Bericht fest, dass es zunehmende Lücken zwischen notwendigen und tatsächlichen Handlungen gibt. Bei Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen seien die Lücken am größten. Der Bericht erkennt die wechselseitige Abhängigkeit von Klima, Biodiversität und Menschen an. Er integriert Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften stärker als frühere IPCC-Bewertungen und zeigt das hohe Potenzial der Natur im Kampf gegen die Erderwärmung. Gesunde Ökosysteme versorgen die Umwelt mit Wasser und Nahrung. Sie sind zudem widerstandsfähiger und können sich Veränderungen besser anpassen. Durch die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme könne die Gesellschaft von der Fähigkeit der Natur profitieren, Kohlenstoff zu absorbieren und zu speichern, heißt es im Bericht. Hans Holzinger JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 7 Dipesh Chakrabarty Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter Dipesh Chakrabarty: Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022; 443 Seiten Der Historiker Dipesh Chakrabarty legt mit „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ ein umfangreiches Werk vor, das auf seine früheren Arbeiten der Subaltern Studies aufbaut. Es handelt sich dabei nicht um ein „klassisches“ Klimabuch, sondern es geht vielmehr „um diese gerade entstehende Objektkategorie menschlicher Sorge, den Planeten, und darum, welche Auswirkungen sie auf die uns vertrauten Globali- Müssen wir heute über diese Geschichte nachdenken, wenn wir an die Zukunft der Menschheit denken? Das müssen wir. sierungsgeschichten hat.“ (S. 10) Der mächtige Einfluss des Menschen Während Chakrabarty vor allem für „Provincializing Europe“ bekannt ist, wo er über die Geschichte des Globus in einer postkolonialen Zeit spricht, verlagert sich seine Perspektive in diesem Buch. Ausschlaggebend war die „Anthropozän-Hypothese“, die er beschreibt als „Annahme, dass die Einwirkung des Menschen auf den Planeten so groß sei, dass sie eine Abänderung der geologischen Chronologie der Erdgeschichte verlange, um deutlich zu machen, dass der Planet die Grenzen des […] Holozäns überschritten habe und in ein neues Zeitalter eingetreten sei.“ (S. 12) Der mächtige Einfluss des Menschen zeigt sich – Chakrabarty zufolge – im Klimawandel am anschaulichsten. 8 Eine Unterscheidung zwischen den Konzepten Globus und Planet Die Unterscheidung zwischen den Konzepten „Globus“ und „Planet“ macht der Wissenschaftler durch diese Verschiebung fest. Letzteren beschreibt eine „neue historisch-philosophische Entität“ (S.13) und stellt damit die menschliche Handlungsmacht nicht nur im Schreiben von Geschichte, sondern auch im Formen unseres unmittelbaren und globalen Lebensraums. Politisches Handeln im Sinne von Hannah Arendt ist dabei von maßgeblicher Besonderheit, um den Lebensraum als Zuhause zu organisieren und ebenso, um Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen. Handeln geht dabei aber über den Menschen hinaus – Chakrabarty bezieht sich dabei etwa auf Arbeiten von Bruno Latour oder Donna Haraway. Eine neue Anthropologie Chakrabarty liefert einen Text, der seiner postkolonialen Tradition verpflichtet bleibt und zugleich darüber hinaus geht. Er hält, was er verspricht: Er schreibt eine neue Anthropologie, die Zusammenhänge zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Handeln offenlegt. Sein neues Buch ergänzt die postkolonialen Studien mit einer notwendigen Klima-Perspektive, die er schlüssig in einen größeren Rahmen einbettet. Ein gewisses Vorwissen über Globalisierungserzählungen und postkoloniale Analysen ist bei der Lektüre sicher kein Nachteil. Magdalena Mühlböck JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 9 Jason Hickel Weniger ist mehr Jason Hickel: Weniger ist mehr. Warum der Kapitalismus den Planeten zerstört und wir ohne Wachstum glücklicher sind. oekom Verlag, München 2022; 352 Seiten „Sobald wir verstehen, dass wir auch ohne Wachstum ein gutes Leben haben können, öffnet sich unser Horizont plötzlich ganz weit. Auf einmal wird es möglich, sich eine andere Art von Wirtschaft vorzustellen, und wir haben den Kopf frei, um wirklich ganz rational zu überlegen, wie auf den Klimanotstand zu reagieren ist.“ (S. 233) So Dies hier ist kein Buch über den Untergang. Es ist ein Buch über Hoffnung. der Wirtschaftsanthropologe und Journalist Jason Hickel in seinem neuen Buch „Weniger ist mehr“. Hickel hinterfragt die weit verbreitete Auffassung, Wohlstand könne nur durch Wachstum gesichert werden und argumentiert mit dem Gegenteil: Die gegenwärtige Form von Wachstum zerstöre den Wohlstand, weil sie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Das Bruttoinlandsprodukt als Maßzahl für Wirtschaftswachstum sei ein „Indikator für das Wohlbefinden des Kapitalismus“ (S. 119; „46 Prozent der neuen Einnahmen aus dem globalen Wirtschaftswachstum gingen zuletzt in die Taschen der reichsten 5 Prozent“, S. 219). Notwendig sei eine „Wohlbefindensökonomie“ mit neuen Maßzahlen, die es zuhauf gebe, aber ignoriert würden. Diese andere Ökonomie stelle die Grund- und Gemeingüter, nicht das Anwachsen des Konsums allgemein, ins Zentrum der Bemühungen, so die Grundthese des Autors im Einklang mit der „Degrowth-Bewegung“. 10 Über dualistisches Denken Anders als in seiner letzten Publikation „Die Tyrannei des Wachstums“ geht Hickel nun auch auf die tieferen Ursachen unserer Krise ein: das in der Aufklärung entwickelte dualistische Denken, das zwischen Geist und Körper, menschlichen und nicht-menschlichen Wesen sowie Zivilisation und Natur unterscheidet. Die Ausmerzung der Allmenden, die Einhegung von Grund und Boden sowie die Entstehung des Kapitalismus aus dem Geist des dualistischen Denkens, das selbst die Sklaverei als naturgegeben hinnahm, seien zum Verständnis der aktuellen Krisen ebenso notwendig wie die Einbeziehung der „Wissenschaften der Indigenas“, die bis heute im Einklang mit ihrem Ökosystem leben. Anhand zahlreicher Studien und Fakten erinnert Hickel einmal mehr an die Größe der Herausforderung. Verwoben mit der Klimakrise gehe es um die Degradation der Böden – „landwirtschaftlicher Boden geht zehn Mal schneller verloren, als er sich bildet“ (S. 18), die Leerfischung der Meere oder den Verlust an Arten. „Etwa eine Million Spezies sind heute vom Aussterben bedroht.“ (S. 21) Wir wissen genug, aber warum handeln wir nicht entschiedener? Hickel sieht in den zahlreichen Ökofakten eine doppelte Botschaft: Zum einen warnen sie uns, zum anderen geben sie uns das Gefühl, noch abwarten zu können, „bis die Fakten noch extremer werden“. Doch dies sei ein Trugschluss: „Wir leben in einer Welt, die im Sterben liegt.“ (S. 31) Die Überwindung des Kapitalismus Die Schuld allein bei den Fossilkonzernen zu suchen, greife zu kurz, so Hickel: „Worum es eigentlich geht, das ist das Wirtschaftssystem, das im Laufe der letzten Jahrhunderte mehr oder weniger den gesamten Planeten unter seine Herrschaft gebracht hat: der Kapitalismus.“ (S. 33) Dieser müsse überwunden werden; und mit ihm auch die „totalitäre Logik“ des „Wachstums um des Wachstums willen“ (ebd.). Der Autor spricht nicht von einer Revolution oder der gänzlichen Enteignung der Unternehmen, sondern plädiert für Reformen, die uns schrittweise in eine andere Wirtschaft führen würden: Die Langlebigkeit von Produkten gesetzlich vorschreiben und das gemeinsame Nutzen fördern; Lebensmittelvergeudung verbieten und Rindfleisch als ressourcenintensivstes Lebensmittel deutlich höher besteuern JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 11 („fast 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen weltweit werden für die Erzeugung von Rindfleisch genutzt“, S. 247); Werbemöglichkeiten drastisch einschränken (560 Mrd. US-Dollar werden derzeit jährlich für Werbung ausgegeben, S. 242); Einkommen, Vermögen und Arbeit fair verteilen (globaler Mindestlohn und festgelegtes Maximaleinkommen, 20 Stundenwoche, 100 Prozent Besteuerung ab einer gewissen Vermögensgrenze); den öffentlichen Sektor sowie die Grundgüterversorgung ausbauen und das Finanzsystem auf staatliches Geld umstellen – Mieten und Schuldendienst seien „die Leibeigenschaft der modernen Zeit“ (S. 257); nicht zuletzt gehe es darum, unsere Bilder von Wohlstand zu verändern, was Ergebnisse der Zufriedenheitsforschung nahelegen. All das würde die Produktion und damit auch den Energie- und Ressourcenverbrauch drastisch senken, die Wirtschaft würde nicht weiterwachsen, die Menschen aber gut leben können in „radikaler Fülle“ (S. 260). Hickel ist nicht gegen neue Technologien, etwa im Bereich der Energieerzeugung, geht aber davon aus, dass wir damit allein die Wende nicht erreichen werden. Grünes Wachstum sei daher nicht möglich, die Hoffnung auf CO2Abscheidung trügerisch. Allein das 1,5 Grad-Ziel erfordere den vollständigen Ausstieg aus den fossilen Energien bis 2050, dies bedeute eine „rasche und drastische Umkehrung unserer derzeitigen Zielrichtung als Zivilisation“ (S. 160). An einer massiven Reduktion unseres Konsums führe kein Weg vorbei. Es läge aber nicht an den Konsument:innen, sondern an den Angeboten, die zu ändern seien. Ein Handy, das fünfmal so lange hält, ergäbe den gleichen Nutzen, es müsse aber am Markt vorhanden und vorgeschrieben sein. Um all das zu erreichen, setzt Hickel auf eine tatsächlich funktionierende Demokratie sowie auf eine gemäß Studien gegebene Mehrheit der Vernünftigen, denen das Gemeinwohl wichtiger sei als der Egoismus. Hickel pointiert: „Der Kapitalismus hat eine antidemokratische Tendenz, und die Demokratie hat eine antikapitalistische Tendenz.“ (S. 279) Eine Fülle an Anregungen Das Buch bietet eine Fülle an Studienergebnissen, Anregungen und Vorschlägen, die in der Ökologie- und Postwachstumsbewegung seit längerer Zeit diskutiert werden. Es verweist auf die Notwendigkeit einer neuen Verbundenheit mit allem nicht-menschlichen Leben und appelliert an den Mut, Wirtschaft ganz anders zu denken. Wie die Wege in einen Postkapitalismus konkret umgesetzt und Mehrheiten dafür gefunden werden können, darüber müssen wir im Detail freilich weitersprechen. Hans Holzinger 12 Sara Schurmann Klartext Klima! Sara Schurmann: Klartext Klima! Zusammenhänge verstehen, loslegen und effektiv handeln. Brandstätter Verlag, Wien 2022; 224 Seiten Sara Schurmann wusste als Journalistin vom Klimawandel, doch – so schreibt sie in ihrem Buch „Klartext Klima!“ – das ganze Ausmaß der Klimakrise sei ihr erst im Sommer 2020 aufgrund der Hochwasser in Deutschland bewusst geworden. So zieht sich als Grundthese durch ihr Buch die Überzeugung, dass zwar mittlerweile kaum noch jemand den menschengemachten Klimawandel leugnet, dieser aber nicht in seiner Tragweite er- Nicht nur ich war es, die die Klimakrise nicht verstanden hatte. kannt und ernst genommen wird. Darauf verweist der Titel des Buches. In Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und auch in den Medien würde zwar über die Klimakrise gesprochen, jedoch wenig getan. Schurmanns immer wiederkehrende Botschaft: „Solange die planetaren Krisen gesellschaftlich unterschätzt werden, werden auch die Maßnahmen, mit denen wir zu reagieren bereit sind, zu klein ausfallen, um die Erderhitzung und das Artensterben effektiv zu bremsen.“ (S. 9) Journalismus und Klimakrise Die Autorin begann, sich näher mit der Klimakrise zu befassen, führte Interviews mit Expert:innen der Klimaforschung, besuchte einschlägige Veranstaltungen und gründete dann 2021 mit Kolleg:inen das „Netzwerk Klimajournalismus Deutschland“. Das Ziel: die Verantwortung des Journalismus zur Aufklärung über die Folgen der JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 13 Klimakrise und die zeitliche Brisanz der Notwendigkeit eines Kurswechsels einzumahnen. Es werde zwar mittlerweile viel über den Klimawandel berichtet, aber nur als ein Thema unter vielen, so einer der Kritikpunkte von Schurmann. Die Zusammenhänge mit unserer Art des Wirtschaftens und Lebens würden kaum gesehen. Nach dem Prinzip: Klimaberichte auf der Umweltseite, Klagen über zu geringes Wachstum auf der Wirtschaftsseite. Ein weiteres Problem sieht die Autorin im Pochen auf Objektivität, die alle Seiten zu Wort kommen lassen müsse. Doch die wissenschaftlichen Fakten seien evident und nicht zu relativieren. Über den Status quo, Versäumnisse und Handlungsoptionen Ihr Buch beginnt Schurmann folgerichtig mit einer Bestandsaufnahme: Sie beschreibt „11 Fakten über die Klimakrise“ sowie den Tatbestand, dass derzeit keine Regierung ernsthaft versucht, das 1,5 Grad-Limit einzuhalten. Die Reaktionen auf die aktuelle Energiekrise mit dem Hochfahren alter Kohlekraftwerke und dem Umschwenken auf ökologisch desaströses Schiefergas bestätigen einmal mehr ihre Kritik. Die Autorin argumentiert hier auch juristisch: „Vorschriften, die jetzt CO2-Emissionen zulassen, begründen eine unumkehrbar angelegte rechtliche Gefährdung künftiger Freiheit.“ (S. 55) Im zweiten Kapitel „Wie konnten wir hier landen?“ geht es um die Macht der Lobbys, unser aller Verdrängen sowie eben um die Verantwortung bzw. Versäumnisse der Medien. Als „Discourses of Delay“ macht die Autorin Verzögerungsdilemmata aus wie die „Trittbrettfahrer“-Ausrede, das Zeigen auf andere, etwa China, das Stehen-Bleiben bei viel zu schwachen Maßnahmen und das Setzen auf „Brückentechnologie“ sowie das Verweisen auf soziale Probleme von Klimaschutzmaßnahmen. Im dritten Abschnitt skizziert Schurmann, was die bisherigen Versäumnisse für unser Handeln bedeuten. Sie bestärkt einmal mehr, dass die planetaren Krisen alles und jede:n treffen werden, dass jeder Schritt in die richtige Richtung zählt („Retten, was zu retten ist“) und dass uns technische Lösungen allein nicht helfen werden. Es sei notwendig, dass wir Grenzen akzeptieren lernen und im Sinne von „Multisolving“ (S. 42) die Vorteile von Klimaschutzmaßnahmen in den Mittelpunkt stellen, etwa „gute Luft“, lärmfreie 14 Städte, mehr Zeit für Muße. Im Schlusskapitel „Was können wir tun?“ fordert die Autorin – wie andere auch – „massive strukturelle Transformationen“ (S. 163), es gehe darum, alles umzukrempeln und das sofort – durch eine Ernährungs,- Mobilitäts- und Energiewende sowie die Abkehr vom Wachstumsparadigma. „Sprecht darüber. Und redet Klartext“ Schurmann spricht uns im gesamten Text immer persönlich an. Im Schlusskapitel tut sie das nochmals explizit. Sie macht in „1000 Wege, die Welt zu retten“ keine Vorschläge für einen ökologischen Lebensstil, sondern plädiert für gemeinsames Aktiv-Werden. „Sprecht darüber. Und redet Klartext“ (S. 199), „Vernetzt euch mit anderen“ (S. 200), „Seid solidarisch“ (S. 202) und „Seid gut zu euch. Und habt Spaß dabei“ (S. 204) – so die Appelle der Journalistin. In Bezug auf die Klimakrise sieht Schurmann drei Gruppen. Jene, die die globale Erwärmung „noch immer für eine relativ ferne und abstrakte Bedrohung halten“, jene, die sich zwar Sorgen machen, aber immer noch denken, „dass es frühestens ihre Urenkel:innen wirklich schlimm treffen werde“. Schließlich jene noch viel zu kleine Gruppe, die weiß, „dass die Klimakrise sehr konkret und akut ihre eigenen Lebensgrundlagen bedroht“ und die es schafft, „diesen Gedanken nicht immer wieder sofort zu verdrängen“ (51f.). Sie selbst zählt sich hier dazu und mit ihrem Buch möchte die Autorin erreichen, dass immer mehr Menschen, insbesondere auch in Entscheidungspositionen, lernen, diese emotionale Betroffenheit zuzulassen. Hans Holzinger JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 15 Ulrike Herrmann Das Ende des Kapitalismus Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022; 341 Seiten „Der Sieg des Kapitals“ und „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ – so die Titel zweier Bücher der taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann, in denen sie den Aufstieg und die Produktivkraft des kapitalistischen Wirtschaftssystems beschreibt. Ihr neues Buch heißt nun „Das Ende des Kapitalismus“. Man könnte meinen, die Autorin macht eine Kehrtwende, doch sie denkt Künftig bestimmt die Natur, wie viel Wachstum möglich ist – und nicht das Wachstum, was von der Natur übrigbleibt. die Ausführungen ihrer letzten Bücher konsequent weiter. Wir können uns den Kapitalismus mit seiner gigantischen Produktivität nicht mehr leisten, weil wir damit an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Wenn wir unsere ökologischen Lebensgrundlagen retten wollen, führe kein Weg an Schrumpfung vorbei. Grüne Technologien würden zwar immer besser, aber nie reichen, um den Klimawandel auf ein verträgliches Maß einzugrenzen und zugleich den Wohlstand der Hochkonsumländer aufrechtzuerhalten, geschweige denn auf andere Länder auszuweiten. Von einem Wirtschaftssystem, das die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt Es müsse daher ein Wirtschaftssystem gefunden werden, das die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt, die verfügbaren erneuerbaren Energie- 16 träger nutzt, die verbleibenden Angebotslücken aber mit Schrumpfung ausgleicht. Herrmann beschreibt, was die notwendigen Klimawenden für Branchen wie den Automobilsektor, die Flugzeugindustrie oder die Bauwirtschaft in Deutschland bedeuten und zu welchen Friktionen diese führen würden. Sie lehnt neue Technologien keineswegs ab, zeigt aber deren Grenzen auf – von der Materialintensität der Solarenergie über die viel zu teuren und zu spät kommenden CO2-Abscheidungspläne bis hin zu den bekannten Rebound-Effekten. „Qualitatives Wachstum“ in einer Dienstleistungsgesellschaft sei nicht machbar, weil „auch Krankenpfleger Häuser bauen oder Autos kaufen wollen“ (S. 198). Der Kapitalismus ist keine Torte, die sich beliebig zerstückeln lässt Herrmanns zentraler Gedanke: Der Kapitalismus ist keine Torte, die sich beliebig zerstückeln lässt. Selbst geringe Einkommensverluste sind nicht zu verkraften, wenn sie sich Jahr um Jahr wiederholen sollen: „Der Kapitalismus ist auf Wachstum angewiesen. Fehlt es dauerhaft, kommt es zum chaotischen Zusammenbruch.“ (S. 209). Doch: „Künftig bestimmt die Natur, wie viel Wachstum möglich ist – und nicht das Wachstum, was von der Natur übrigbleibt.“ (S. 255) Herrmann plädiert daher für eine „Überlebenswirtschaft“ (S. 258), in der der Staat vorgibt, was produziert wird und wie groß die Rationen sind, die Bürger:innen jeweils zustehen. Die Produktion erfolge aber weiterhin von privatwirtschaftlich geführten Unternehmen. Als Vorbild sieht die Autorin daher nicht die verschiedenen Modelle eines Ökosozialismus, sondern die britische Kriegswirtschaft der 1940er-Jahre, in der in kurzer Zeit auf ein Wirtschaften nach Bedarfsplänen umgestellt worden sei. Nun gehe es um die Abwendung der Klimakrise. „Wenn sich grünes Wachstum als Illusion erweist, bleibt nur die Rationierung.“ (S. 249) Diese entspreche dem Prinzip des allen zustehenden CO2-Budgets und würde die Reichen genauso treffen wie die Normalverdienenden. Denn dies sei gerechter und auch für die Mehrheit akzeptabler: „In Großbritannien wurde die Rationierung im Krieg nur deswegen so willig hingenommen, weil sie für alle galt.“ (S. 249) JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 17 Über Rationierung in unserer Konsumgesellschaft Hermann ist sich bewusst, dass Rationierung in unseren Konsumgesellschaften schwer vermittelbar ist. Es gäbe jedoch erste Beispiele wie den deutschen Wassernotversorgungsplan, der bei großen Dürreperioden zum Tragen kommt. Das Leben wäre aber auch ohne Kapitalismus lebenswert: „Die Deutschen könnten weiterhin in Urlaub fahren, ihr Smartphone nutzen, Bücher lesen und in Restaurants gehen. Flüge allerdings würde es nicht mehr geben, Autos wären kaum mehr unterwegs, und Immobilien müssten rationiert werden.“ (S. 250) Eine ökologische Kreislaufwirtschaft würde alles bieten, was ein gelungenes Leben ausmacht: „Anregung, Abwechslung, Erkenntnis, Austausch, Freundschaft, Liebe“ und vieles mehr. (S. 262) Ulrike Herrmann denkt in der Tat konsequent zu Ende, was es bedeuten würde, eine klimaneutrale Weltwirtschaft innerhalb der nächsten Jahrzehnte umzusetzen. Dass dies mit dem gegenwärtigen Kapitalismus nicht machbar ist, leuchtet ein. Möglicherweise kommt die Umstellung in Raten, wenn verbindliche CO2 -Einsparziele für alle Hochemissionsländer nicht eingehalten werden und das Nicht-Erreichen mit Sanktionen belegt wird. Deutschland wird diesen radikalen Weg nicht allein gehen, wie sich auch Hermann bewusst ist. Ebenso möglich ist aber, dass die Wende nicht kommt und wir weiter ins Klimachaos stürzen. Hermann könnte sich dann zumindest zugutehalten, einen Alternativweg aufgezeigt zu haben, auch wenn ihr Modell bedeutend mehr Erläuterung brauchen würde als im Buch beschrieben wird. Die Tücken liegen bekanntlich im Detail. Machbarer erscheint dem Rezensenten eine ökosoziale Marktwirtschaft mit begrenzten CO2-Budgets und weitgehend egalitären Einkommensverhältnissen, die das Füllen des Konsumkorbs aber den Menschen überlässt. Hans Holzinger 18 Greta Thunberg Das Klima-Buch von Greta Thunberg Greta Thunberg: Das Klima-Buch von Greta Thunberg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2022; 512 Seiten So wie wir von einer Klippe nicht nur ein bisschen springen können, sondern nur ganz oder gar nicht, können wir uns nicht nur ein bisschen nachhaltig verhalten. Mit diesem Vergleich macht Greta Thunberg in dem von ihr herausgegebenen „Das Klimabuch von Greta Thunberg“, das zeit- Die Klima- und Ökologiekrise ist die größte Bedrohung, mit der die Menschheit je konfrontiert war. gerecht zur UN-Klimakonferenz 2022 erschienen ist, eines deutlich: Einzelne kleine Maßnahmen reichen nicht. Es steht ein grundlegender Wandel unserer Art des Wirtschaftens, Konsumierens und Mobilseins an. Über 100 (!) Expert:innen, Aktivist:innen sowie Autor:innen aus aller Welt hat die Klimaaktivistin mit ihrer „Plattform“, wie sie sagt, gewonnen, den aktuellen Stand der Klima- und Nachhaltigkeitsforschung zusammenzufassen. Auf jeweils drei bis vier Seiten beleuchten die Eingeladenen ein spezifisches Thema in gut verständlicher Sprache und illustriert mit anschaulichen Grafiken. Etwa 50 der insgesamt knapp 500 Seiten des Buches stammen von Thunberg selbst. Sie leitet über zu den jeweiligen Abschnitten und versieht diese mit pointierten Kommentaren. Entstanden ist eine spannende Enzyklopädie des aktuellen Klimawissens. JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 19 Gegliedert ist das Werk in fünf Teile. „Um dieses Problem zu lösen, müssen wir es zuerst verstehen“ – damit leitet Thunberg den Einführungsteil „Wie das Klima funktioniert“ ein. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Johan Rockström erklärt Kipppunkte und Rückkopplungsschleifen. Naomi Oreskes, Professorin für Wirtschaftsgeschichte, hat aufgedeckt, wie die Ölindustrie die frühen Warnungen vor den Auswirkungen des Verbrennens fossiler Rohstoffe vertuscht hat. Für Thunberg erzählt sie die Geschichte nochmals. Dies nur als zwei Beispiele aus dem informativen Einführungsteil. Es folgt ein Abschnitt über die Folgen der menschengemachten Klimaveränderung („Wie unser Planet verändert wird“). Hier werden einmal mehr die Auswirkungen der Erderwärmung auf die Ökosysteme beschrieben – neben meteorologischen und klimatologischen Fragen wird dabei auch mehrfach das Artensterben thematisiert. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus leitet den dritten Abschnitt „Die Folgen für uns“ ein. Fünf Prozent der aktuell 21 Millionen Malariafälle jährlich werden 2030 laut einer WHO-Studie auf den Klimawandel zurückgehen. Mehrfach verweist Thunberg auf das Thema Klimagerechtigkeit, wenn sie meint „Wir sitzen nicht alle im selben Boot“ (S. 166). Zu Wort kommen Expert:innen aus den am meisten betroffenen Ländern, etwa der Direktor des International Centre for Climate Change und Development Bangladesh Saleemul Huq, die Koordinatorin der Association of the Indigenous Women Hindou Oumarou Ibrahim aus der Region um den Tschadsee oder die indigene Aktivistin Sônia Guajajara aus Brasilien. „Was wir dagegen unternommen haben“ „Was wir dagegen unternommen haben“ – die Überschrift zu Teil vier ist ironisch gemeint, dahinter verbirgt sich die Enttäuschung der Klimaaktivistin. „Wie können wir unser Versagen ungeschehen machen, wenn wir nicht mal zugeben können, dass wir versagt haben?“, fragt sie (S. 218). Beschrieben werden hier die Chancen und Grenzen technologischer Lösungen zur CO2Abscheidung, die Skepsis gegenüber klimaneutralem Heizen mit Holz (dargelegt von Karlheinz Erb und Simone Gingrich von der Universität für Bodenkultur in Wien) oder die ambivalenten Hoffnungen auf E-Mobilität. Jillian Anable und Christian Brand von der University Oxford legen dar, dass 20 die Umrüstung auf E-Antriebe bei einer Lebensdauer der Fahrzeuge von 15-20 Jahren, bei Flugzeugen und Schiffen sind es noch mehr, viel zu spät kommt. Sie plädieren für sofortige Geschwindigkeitsbeschränkungen, die unmittelbar die Treibhausgase maßgeblich verringern würden, und für die generelle Reduzierung des Verkehrsaufkommens. Der Übergang zu erneuerbaren Energien wiederum geschieht viel zu langsam, wie die Ausführungen von Bill McKibben, dem Initiator der Divestment-Bewegung, sowie dem IPCC-Hauptautor Glen Peters zeigen. Mehrere Beiträge widmen sich dem Thema Ernährung – der Weg hier ist bekannt: runter vom hohen Verzehr von rotem Fleisch. „Was wir jetzt tun müssen“ Der letzte Abschnitt der Klima-Enzyklopädie widmet sich schließlich der Aufgabe „Was wir jetzt tun müssen“. Auch hier kommen namhafte Expert:innen zu Wort, wie die Begründerin der Donut-Ökonomie Kate Raworth (sie plädiert für die Konzentration auf universelle Grunddienstleistungen sowie Eingriffe in die Märkte), die Harvard-Professorin Erica Chenoweth, bekannt durch ihre Studien zur Transformation durch soziale Bewegungen (3,5 Prozent Aktive sowie 25 Prozent Zustimmende würden reichen, politische Wenden herbeizuführen, dabei sei es wichtig, Menschen aus mächtigen Institutionen für die Anliegen zu gewinnen, so ihre Aussage) oder der Wachstumskritiker Jason Hickel, der eine Überwindung des kapitalistischen Systems durch einschneidende Reformen fordert. Thunberg selbst sowie George Monbiot vom „Guardian“ und der Klimaforscher Micheal E. Mann mahnen die Verantwortung der Medien sowie ein Ende des Verleugnens ein. Ein beeindruckendes Werk Soweit ein exemplarischer Streifzug durch das umfangreiche Kompendium, das mit konkreten Vorschlägen endet, was wir als Bürger:innen und Gesellschaft tun können, um die Klimaerwärmung noch einzubremsen. Ein beeindruckendes Werk, wenn man – wie die Aktivistin – weiterhin an die Kraft der Aufklärung glaubt. Hans Holzinger JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 21 Lea Dohm · Mareike Schulze Klimagefühle Lea Dohm, Mareike Schulze. Klimagefühle. Wie wir an der Umweltkrise wachsen, statt zu verzweifeln. Droemer Knaur, München 2022; 272 Seiten Auch Psychotherapeut:innen müssten sich zur Klimakrise äußern, dachten sich Lea Dohm und Mareike Schulze und gründeten kurzerhand die „Psychologists/Psychotherapists for Future“. Zu Beginn gab es Skepsis von Seiten vieler Kolleg:innen, doch mittlerweile umfasst die Bewegung europaweit über 1500 Mitglieder, schreiben die beiden in ihrem Buch, das sich den emotionalen Wir haben alle Gefühle zur Klimakrise – nur nehmen wir sie unterschiedlich stark wahr. Aspekten der Klimakrise sowie des Klimaengagements widmet. Gefühle würden häufig verdrängt, wenn es um Fragen der Klimaerhitzung gehe, sind die Autorinnen überzeugt. Sie bringen hierfür das Bild des Eisbergs, bei dem nur die Spitze aus dem Wasser ragt. Wahrgenommen würden nur Klimafakten, die uns rational ansprechen sollen. Ausgespart, also unter der Oberfläche, blieben dabei die Gefühle, die die Klimakrise auslösen: Angst, Wut und Ärger, Traurigkeit, auch Schuld und Scham. Und diese Verdrängung führe zu Abwehr, Verleugnung, Gewissensberuhigung durch einzelne Öko-Taten oder Kapitulation. 22 Über Emotionen und Klimakrise In ihrem Buch behandeln die Autorinnen diese Gefühle, wobei sie neben ihren eigenen Erfahrungen auch Menschen aus der Klimaforschung bzw. Klimabewegung zu deren Umgang mit Emotionen befragen. Zudem findet man zahlreiche Expertisen aus der Psychologie und Umweltkommunikation. Etwa den Bystander-Effekt. Dieser beschreibt das Phänomen, dass je mehr Menschen Zeug:innen von einer Notlage werden, desto geringer die Wahrscheinlichkeit ist, dass irgendwer hilft, etwa bei Autounfällen. Erklärbar sei dies durch Verantwortungsdiffusion sowie durch den Umstand, dass wir uns am Verhalten der anderen orientieren. Bezogen auf die Klimakrise: „Die Gefahr ist furchtbar und riesig, aber weil die Welt um uns herum scheinbar normal verläuft, bleiben wir ruhig.“ (S. 62) Wer hingegen die Klimakrise emotional an sich heranlässt, ändert nicht nur sein Wertesystem, sondern stellt auch seinen „kapitalistischen Lebensstil“ (S. 63) in Frage. Diesen zu verändern, erfordert Mut und die Konfrontation mit denen, die ihr gewohntes Leben weiterführen. Neben der Sorge vor der sich verschärfenden Lage und zu erwartenden Kipppunkten gehe es auch um die Angst, als Miesmacher:in oder Paniker:in dazustehen, wie etwa Gregor Hagedorn vom Museum der Naturheilkunde Berlin, einer der Initiatoren der Scientists for Future, im Interview bestätigt. Die Warnenden als das Problem hinzustellen, orten Dohm und Schulze als eine Form der Angstabwehr, ähnlich wie die Verzögerungsdiskurse. Doch: „Die beste Möglichkeit der Angstreduktion wäre ambitionierter Klimaschutz, der in klar messbare, zügige Verringerung und Verhinderung von Emissionen mündet.“ (S. 85) Ärger und Wut über die Tatenlosigkeit der Verantwortlichen ist aus vielen der Interviews herauszuhören. Dohm und Schulze empfehlen, die Wut in Mut und Engagement zu transformieren. Gemeinsames Handeln helfe auch, Ohnmachtsgefühlen entgegenzuwirken, Freude und Verbundenheit herzustellen. Problematisch sei das Abschieben der Verantwortung auf die junge Generation, die alle Last schultern solle – in der Psychologie bekannt als „Parentifizierung“. Eltern haften nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für die Verantwortung, diesen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Kinder auf Demos mitzunehmen, sei aber durchaus sinnvoll, weil man diesen so zeige, dass Handeln möglich ist. JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 23 Strikte Gewaltfreiheit als Stärke der Klimabewegung Eine Stärke der Klimabewegung sehen Dohm und Schulze in der strikten Gewaltfreiheit, was Besetzungen oder Straßenblockaden nicht ausschließe. Die Gefahr der Radikalisierung sei gegeben, wenn Bewegungen längere Zeit nicht Gehör finden. Mehr Sorgen bereite ihnen aber eine andere Radikalität, so die beiden: „Nichthandeln von bestens informierten Politiker*innen und ein auf unerbittliches Wachstum ausgerichtetes ökonomisches ‚Weiter-so‘.“ (S. 111) Carola Rackete wird mit der Enttäuschung über das ‚demokratische Europa‘ und deren Entscheidungsträger:innen zitiert, die sowohl die Not der flüchtenden Menschen wie die Umweltkrise ignorierten. Sie spricht von „Verrat“, den sie und ihre Aktionskolleg:innen verspüren (S. 120). „Ins Handeln kommen“ „Ins Handeln kommen“ – so das letzte Kapitel – beginnt für Dohm und Schulze beim eigenen Lebensstil, dem Wirken im Freundeskreis, der Familie und am Arbeitsplatz und setzt sich fort beim Aufbau neuer Initiativen etwa der „Solidarischen Landwirtschaft“ oder des „Gemeinschaftlichen Wohnens“, brauche aber insbesondere politischen Protest: „Nur wenn wir gesellschaftlichen Druck auf Politik und Wirtschaft aufbauen, werden wirkliche Veränderungen erfolgen.“ (S. 214) Wir Menschen seien sehr flexibel und könnten uns auf neue Situationen gut einstellen, das mache Hoffnung, so die Psychotherapeutinnen. Dass neue ökologische Routinen in den bestehenden Strukturen nicht einfach, aber machbar sind, und wir dadurch mehr Freiheit von Konsumzwängen gewinnen können, zeigen die beiden auch an persönlichen Schilderungen, die sie ins Buch einweben. Hans Holzinger 24 Club of Rome (Hg.) Earth for All Club of Rome (Hg.): Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten. Der neue Bericht an den Club of Rome, 50 Jahre nach „Die Grenzen des Wachstums“. oekom Verlag, München 2022; 256 Seiten Mit der 1972 erschienenen Studie „Die Grenzen des Wachstums“ hat der Club of Rome erstmals auf die Endlichkeit der Ressourcen unseres Planeten hingewiesen. Manche der Prognosen trafen so nicht ein – etwa in Bezug auf die Rohstoffverknappung, andere wie die Zunahme der Treibhausgase waren ziemlich genau. Der anlässlich des 50. Jubiläums des Erstberichts erschienene Dies ist ein Buch über unsere Zukunft – die kollektive Zukunft der Menschheit in diesem Jahrhundert, um genau zu sein. neue Bericht „Earth for All“ warnt vor sich zuspitzenden Krisen. Gesprochen wird von einem „planetaren Notstand“ und der Notwendigkeit einer „resilienten Zivilisation“, von „Zusammenbruch oder Durchbruch“ (S. 13). Große Beteiligung verschiedener Expert:innen Neben den Hauptautor:innen haben knapp 30 weitere Expert:innen an der Studie mitgewirkt. Der Bericht thematisiert nicht nur ökologische Herausforderungen, sondern – wie der Titel schon anzeigt – auch Fragen einer fairen Wirtschaftsordnung. Im Zentrum stehen „fünf außerordentliche Kehrtwenden für globale Gerechtigkeit auf einem gesunden Planeten“ (S. 9): an erster Stelle steht die „Armutskehrtwende“, dieser folgen die „Ungleichheitskehrt- JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 25 wende“ sowie die „Ermächtigungskehrtwende“ (diese soll Geschlechtergerechtigkeit herstellen), die „Ernährungskehrtwende“ und schließlich die „Energiekehrtwende“. Fünf Wenden, die eng miteinander verknüpft sind und „nur gemeinsam einen umfassenden Systemwandel“ (S. 36) sicherstellen. So lautet eine zentrale These, dass ökologische und soziale Fragen angegangen werden müssen, andernfalls könnten chaotische, politisch instabile Zustände eintreten. Verdeutlicht wird dies mit den eingeführten Parametern „Index für soziale Spannungen“ und „Wohlergehensindex“. Mehrere Szenarien werden vorgestellt Durchgespielt wurden mehrere Szenarien – im Bericht Bezug genommen wird auf zwei davon: „Too Little Too Late“, also ein Zuwenig an Maßnahmen, die noch dazu zu spät kommen (so ließe sich die aktuelle Lage wohl beschreiben) und „Giant Leap“ als großer Sprung, gespeist vom Mut zu tiefgreifenden Veränderungen. Jeder Kehrtwende ist eine Problembeschreibung vorangestellt, dieser folgen die vorgeschlagenen Lösungen für das „Giant Leap“-Szenario und die möglichen Hürden. Gewagt werden Prognosen bis zum Ende des Jahrhunderts. Die Vorschläge sind nicht allesamt neu, sie werden analog einer Pyramide dargestellt – mit dem neuesten Vorschlag an der Spitze. Bei der Überwindung der Armut reicht die Skala beispielsweise von der Erweiterung der politischen Spielräume (etwa durch Entschuldung der ärmsten Länder) über eine Re-Regionalisierung des Handels (mit Schutzzöllen u. a.) bis hin zu neuen Wachstumsmodellen, für die neue Technologien kostenfrei zur Verfügung gestellt werden sollen (der neueste der Vorschläge). Zur Überwindung der Ungleichheit werden progressive Steuern sowie eine Stärkung der Gewerkschaften und – an der Spitze der Maßnahmenpyramide – die Einführung einer Allgemeinen Grunddividende vorgeschlagen. Ausführlich wird die Ernährungswende behandelt. Vorgeschlagen werden Ansätze der regenerativen Landwirtschaft, die den Humusaufbau der Böden fördert. Kunstdüngereinsatz wird nicht gänzlich abgelehnt, soll aber drastisch sinken, Monokulturen sollen zurückgedrängt, dafür Mischkulturen oder Agroforstsysteme gefördert werden. Erhofft werden auch neue Technologien der Präzisionslandwirtschaft. Nahrungsmittelverluste 26 und -verschwendung müssen minimiert werden: sechs Prozent der Treibhausgase entfallen nämlich allein auf diese Form der Verschwendung. Schließlich gehe es um ein anderes Ernährungsverhalten – gesunde Lebensmittel müssen attraktiver und leichter erhältlich sein, industriell verarbeitete, aus denen Konzerne die meisten Gewinne lukrieren, seien zurückzudrängen. Bleibt jene Wende, die in Klimadebatten meist am Anfang steht, nämlich jene der Umstellung unseres Energiesystems. Die Autor:innen sind auch hier zuversichtlich, dass der Abschied von den fossilen Energieträgern bis zur Mitte des Jahrhunderts gelingen wird. Gesetzt wird neben erneuerbaren Energiequellen auf mehr Effizienz, etwa durch andere Mobilitätsinfrastrukturen. 40 Prozent des gegenwärtigen Energieverbrauchs sollen so eingespart werden. Am Ende des Buches wird ein Wandel der Wirtschafts- und Finanzstrukturen skizziert. Während aktuell ein großer Teil der von der Allgemeinheit erwirtschafteten Erträge den Vermögenden zufließt („Rentierskapitalismus“), soll das wirtschaftliche „Spielbrett“ derart umgestaltet werden, dass die Finanzströme zu den für die Wenden notwendigen innovativen Unternehmen und über die einzurichtenden Fonds an die Bürger:innen gehen sollen – im Sinne der Teilnahme an einer modernen Allmende. Ein Bericht voller Gestaltungsoptimismus Der Gestaltungsoptimismus dieses neuen Club of Rome-Berichts ist groß. Wohltuend fällt die Abkehr vom Eurozentrismus und die Forderung nach neuen Wirtschaftsstrukturen auf. Mit Spannung zu erwarten ist auch das versprochene Online-Tool, mit dem eigene Szenarien durchgespielt werden können. Hans Holzinger JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 27 Klaus Wiegandt (Hg.) 3 Grad mehr Klaus Wiegandt (Hg.): 3 Grad mehr. Ein Blick in die drohende Heißzeit und wie uns die Natur helfen kann, sie zu verhindern. oekom Verlag, München 2022; 347 Seiten „Drei Grad mehr, was für Landgebiete und damit auch für unsere Breiten im Schnitt zu 6 Grad höheren Temperaturen führen wird, wird das Leben der Menschen in einer nie dagewesenen Dimension verändern und bedrohen. Nur wenn dies der großen Mehrheit der Bevölkerung auf- Was Hoffnung macht, ist, dass die 3-GradWelt kein unvermeidliches Schicksal ist. gezeigt und bewusst wird, kann und muss die Politik Maß-nahmen in Gang setzen, um die Erderwärmung, soweit es jetzt noch möglich ist, zu begrenzen“ (S. 8f.) – so Klaus Wiegandt, der 1998 die Stiftung „Forum für Verantwortung“ gegründet und mittlerweile zahlreiche Publikationen mit exzellenten Wissenschaftler:innen herausgegeben hat. Dies gilt auch für den vorliegenden Band „3 Grad mehr“, an dem Autor:innen wie Stefan Rahmstorf, Hans Joachim Schellnhuber oder Jutta Allmendinger mitgewirkt haben. Wie sieht eine drei Grad wärmere Welt aus? Der Band gliedert sich in drei Abschnitte. In „Heißzeit voraus“ (erster Teil) wird geschildert, wie eine drei Grad wärmere Welt aller Voraussicht nach aussieht. Es geht um die mittlerweile bekannten Klimaveränderungen, aber auch um die Folgen für die Biodiversität, die Landwirtschaft, das Migrationsgeschehen sowie die Wirtschaft 28 insgesamt. Gesprochen wir von einem „Waldsterben 2.0“ (Bernhard Kegel, S. 43) sowie von der Abnahme der landwirtschaftlichen Erträge bei gleichzeitiger Zunahme des Bedarfs an Lebensmitteln („bereits 52 Prozent der Agrarflächen gelten als degradiert“, Ralf Seppelt u. a., S. 57) – mehr Kunstdünger führt nicht mehr zu besseren Ernten, heißere Temperaturen und mehr Pflanzenkrankheiten verschärfen die Ertragseinbußen. Die Lösung liege nicht in einem Mehr an Produktion, sondern in der Unterbindung von Ernteverlusten und Lebensmittelabfällen, durch die jeweils 30 Prozent der produzierten Nahrung verloren gehen, so die Autoren dieses Beitrags (S. 78). Die wirtschaftlichen Schäden einer um drei Grad wärmeren Erde werden in einem weiteren Artikel detailliert für einzelne „Schadenskanäle“ vorgestellt. Allein Überschwemmungen könnten zu jährlichen Mehrkosten von 40 Mrd. Euro führen, so Leonie Wenz vom Potsdam Institut und Friderike Kuik von der EZB. Der schon jetzt jährlich durch Hitzewellen verursachte Schaden wird allein für die USA auf etwa 100 Mrd. US-Dollar geschätzt (S. 104f.). Komplexe Wirkungsketten werden neben den unmittelbaren Kosten zu „Schadenskaskaden“ (S. 107) führen, die „Versicherungslücken“ (S. 117) werden steigen – in Europa seien derzeit nur 35 Prozent der Schäden durch Extremwetterereignisse versichert, so die Autorinnen. „Naturbasierte Lösungen“ als Möglichkeit Klimaverbesserungen zu erreichen Im zweiten Teil über „Naturbasierte Lösungen“ zeigen Expert:innen unterschiedlicher Disziplinen, wie durch einen Stopp der Regenwaldzerstörung, die Aufforstung in den Tropen und Subtropen, die Wiedervernässung von Mooren, die Humusanreicherung in Böden sowie durch Verdunstungskühlung Kohlendioxid wieder gebunden und Klimaverbesserungen erreicht werden können. Dieser Abschnitt enthält viel Neues, über das in der Klimadebatte weniger gesprochen wird. Hans Joachim Schellnhuber plädiert einmal mehr für eine nachhaltige Nutzung von Holz im Bausektor („Bauhaus für die Erde“, S. 169ff.). JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 29 Fragen der Mobilisierung für einen wirksamen Klimaschutz Im dritten Teil „Call to Action“ geht es schließlich um Fragen der Mobilisierung für einen wirksamen Klimaschutz. Jutta Allmendinger und Wolfgang Schröder vom Wissenschaftszentrum Berlin skizzieren die Auswirkungen der Klimakrise auf die bundesdeutsche Gesellschaft sowie die sozioökonomischen Verteilungskonflikte, die bei einem Einhalten der angepeilten THG-Reduktionsziele drohen. Die beiden beschreiben die Auswirkungen der zu ergreifenden Maßnahmen in den Bereichen Verkehr, Wohnen, Ernährung und Gesundheit. Wenn die Einkommensarmut nicht beseitigt wird, folge dieser die „Mobilitäts- und Energiearmut“ (S. 280); ärmere Haushalte würden sich Lebensmittel schwerer leisten können, da diese sowohl durch den Klimawandel und den Umstieg auf ökologische Landwirtschaft teurer werden. Auch deren Krankheitsrisiken würden überproportional steigen. Fazit der beiden: „Angesichts der sozial ungleichen Betroffenheit spricht vieles dafür, dass eine sich vertiefende Spaltung die wahrscheinlichere Perspektive ist. Dies gilt es durch politische Entscheidungen und deren engagierte Kommunikation zu verhindern.“ (S. 287). Der Herausgeber Klaus Wiegandt rechnet abschließend nochmals die Kosten des Nicht-Handelns vor: Die volkswirtschaftlichen Schäden eines Drei-Grad-Szenarios würden 10 Prozent des Weltsozialprodukts ausmachen (S. 289). Wiegandt setzt neben Effizienzsteigerungen und erneuerbaren Energien aber auch auf Suffizienz sowie die bereits angesprochenen „naturbasierten Lösungen“ – allein der Stopp der Regenwaldabholzug würde 4,7 Mrd. Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Für die Finanzierung der Klimamaßnahmen schlägt Wiegandt eine Finanztranskations- und Erbschaftssteuer, die Reduzierung der Militärhaushalte sowie Staatsfonds vor. Ein wertvoller Band mit vielen Fakten und anschaulichen Grafiken. Etwas zu kurz kommt die Kritik an den nach wie vor auch staatlich geförderten Fossilstrukturen, an denen Öl- und Kohlekonzerne noch immer gut verdienen. Hans Holzinger 30 KLIMA° vor acht e.V. (Hg.) Medien in der Klima-Krise KLIMA° vor acht e.V. (Hg.): Medien in der KlimaKrise. oekom Verlag, München 2022; 272 Seiten Nicht nur, aber auch in den Medien hat die Klimakrise nicht den Stellenwert, der sich aus den Bedrohungen ergeben würde. Hier setzt der Band „Medien in der Klima-Krise“ an, der von KLIMA° vor acht, einem gemeinnützigen Verein, der das Ziel hat, angemessene Berichterstattung zur Klimakrise zu fordern und zu fördern, herausgegeben wurde. In 15 Beiträgen setzen sich die Autor:innen mit der Frage auseinander, warum Die Medien müssen dafür sorgen, dass die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft nicht nur erhalten, sondern gestärkt wird. das Klimathema unterbelichtet bleibt, und was man unternehmen könne. Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Uni Hamburg, zeigt mit Susan Jörges, dass die Klimaberichterstattung an der Gesamtberichterstattung von führenden deutschen Onlinemedien über einen Anteil von weniger als drei Prozent nur punktuell hinauskommt. Sie zeigen auch, dass dieser Anteil in den USA deutlich höher ist. (S. 29) Wissenschaftsfeindlichkeit macht sich in der Bevölkerung breit Ein gleich zu Beginn angesprochenes Problem sei, dass sich in Teilen der Bevölkerung Wissenschaftsfeindlichkeit breitmache. Dies wirke sich auch auf die Zurkenntnisnahme wissenschaftlicher JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 31 Aussagen zur Klimakrise aus. „Die Medien müssen dafür sorgen, dass die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft nicht nur erhalten, sondern gestärkt wird. Dabei ist darauf zu achten, dass nur solide Information aus der Forschung und nicht Meinung kommuniziert wird. Das erfordert einigen Rechercheaufwand, Personal und erhebliche finanzielle Mittel“, (S. 15) schreibt Mojib Latif. Genau hier gebe es Probleme, berichtet der Journalist Ralph Brix. Der Druck auf die Redaktionen, besonders aktuell zu berichten, habe zugenommen. Immer schneller müsse frische Information bearbeitet und veröffentlicht werden. „Logisch, dass dadurch weniger Zeit für gründliche Recherche bleibt.“ (S. 21) Das werde verstärkt, da Redaktionen aufgrund des Kostendrucks, dem viele Medien ausgesetzt sind, immer weniger Fachexpert:innen in ihren Reihen haben. Diese seien ersetzt durch Generalist:innen, die möglichst jedes Thema „irgendwie“ bearbeiten müssen. (ebd.) Holger Wormer und Wiebke Rögener haben ein paar interessante Vorschläge. Zum Beispiel könnte es Fachkonferenzen in den Redaktionen (u. a.) zum Thema Klimaschutz geben. Denn das Thema schlägt in der Wirtschaft, Politik und Chronik auf, das Know-how zum Thema gehöre gebündelt, die Berichterstattung abgestimmt. (S. 241) Ähnlich sehen es auch Carel Mohn und Sven Egenter. „Ein Grund, warum sich Journalismus und das Klimathema gewissermaßen strukturell weniger gut vertragen, hat mit der zeitlichen Taktung zu tun. Im Journalismus zählt die morgige Ausgabe, die Topnachricht des Tages, der Tweet von jetzt. Der jahrzehntelange schrittweise Umbau ganzer Gesellschaften hin zu Klimaneutralität, das schrittweise Austesten, das Begehen und beharrliche Korrigieren immer neuer Fehler sind in dieser Welt hingegen eine Art kategorischer Fehler, eine Art nicht denkbare vierte Dimension.“ (S. 213) Über fehlende Ausgewogenheit Ein Problem des Journalismus sei weiterhin die „falsche Ausgewogenheit“. Wenn einer wissenschaftlichen Auffassung gleichberechtigt eine widersprechende Darstellung gegenübergestellt wird, führt dies zu einer weitgehenden Neutralisierung der Information. In einem Experiment wurde gezeigt, dass auf die Gegenmeinung nicht verzichtet werden müsse. Es wurde gezeigt, in welchem Ausmaß die wissenschaftliche Gemeinschaft 32 eine Auffassung unterstützt (im Bereich der zentralen Aussagen zum Klimawandel ist man hier in der Regel weit über 90 Prozent). Dies reiche aus, dass die Leser:innen sich eine Meinung bilden und das Thema nicht als „unentschieden“ beiseitelegen. (S. 67) Für einen konstruktiven Klimajournalismus Die Medienpsychologin Maren Urner plädiert für einen „Konstruktiven Klimajournalismus“. Die zentrale Eigenschaft dieses Ansatzes sei, dass er sowohl übergeordnet als auch ganz konkret stets „Was jetzt?“ frage. Viele Berichte würden über vergangene Geschehnisse und historische Ursachen berichten. Konstruktiver Klimajournalismus nehme hingegen die Zukunft in den Blick. (S. 92) Eine Gruppe, die das Klimathema besser in den Mittelpunkt rücken will, ist die Helmholtz-Klima-Initiative. Roland Koch berichtet, dass man sich am Model moderner Newsrooms orientiert. Man beobachte täglich, welche klimarelevanten Themen und Debatten in der Öffentlichkeit, in Medien, Politik und Wirtschaft stattfinden oder bevorstehen. Gleichzeitig prüfe man kontinuierlich, welche Ereignisse in der Klimaforschung vorhanden oder zu erwarten sind. Die Ergebnisse bereite man für die direkten Kommunikationskanäle auf. Man strebe an, Wissenschaftler:innen und Expert:innen zu den Themen zu gewinnen. Diesen wiederum biete man entsprechendes Kommunikationstraining. (S. 126) Die Breite der Ideen, wie man besseren Klimajournalismus umsetzen könnte, beeindruckt. Viele dezentrale Projekte könnten Veränderungen bringen. Stefan Wally JBZ – arbeitspapiere 61 | Die besten Bücher zur Klimakrise · 2022 33 Durch geöffnete Türen gehen Kenntnisse nicht nur hinaus, sondern fließen auch hinein. Robert Jungk jungk-bibliothek.org Überall zu finden, wo es Podcasts gibt. JBZ Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen jungk-bibliothek.org
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