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Full text: Memoiren der Königlich Preußischen Prinzeß Friederike Sophie Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, Schwester Friedrichs des Großen / Wilhelmine Friederike Sophie, Brandenburg-Bayreuth, Markgräfin (Public Domain)

Diese Gelegenheit ergriff sie, um der Königin bemerklich zu machen, 
daß ich eigensinnig und hochmütig sei und sie von oben bis unten 
angesehen habe. Dies zog mir sehr harte Verweise zu, die solange 
währten, als dieses Mädchen in Berlin war. Sie suchte sich überall 
an mir zu reiben. Eines Tages sprach man vom Gedächtnis. Die 
Königin sagte ihr, ich besäße ein vortreffliches. Die Pöllnitz lachte 
höhnisch, welches soviel bedeutete, als es sei nicht der Fall. Die 
Königin ward böse und schlug ihr vor, mich auf die Probe zu stellen, 
wobei sie wettete, daß ich 100 Verse in einer Stunde lernen werde. 
„Nun denn,“ sagte die Pöllnitz, „so mag sie ein wenig das Cokal— 
gedächtnis versuchen, und ich will wetten, daß sie das nicht behalten 
wird, was ich für sie schreiben werde.“ Die Rönigin wollte bei 
dem bleiben, was sie gesagt hatte und ließ mich holen. Vachdem 
sie mich beiseite genommen, sagte sie mir, daß sie mir alles Ver—⸗ 
gangene verzeihen wolle, wenn ich sie die Wette gewinnen lasse. Ich 
wußte nicht, was Cokalgedächtnis sei, da ich nie davon hatte reden 
hören. Die Pöllnitz schrieb nieder, was ich lernen sollte. Es waren 
50 barocke Namen, die sie erfunden hatte und welche sämtlich nume⸗ 
riert wurden. Sie las sie mir zweimal vor, wobei sie mir stets die 
Nummern nannte, und dann war ich genötigt, sie hintereinander aus⸗ 
wendig herzusagen. Bei der ersten Probe gelang es mir sehr gut, 
sie verlangte aber eine zweite und fragte mich ein Wort nach dem 
anderen, indem sie mir bloß die Nummer sagte. Auch hier glückte 
es mir zu ihrem großen Verdrusse. Nie habe ich eine größere Ge— 
dächtnisanstrengung gehabt, sie konnte sich aber doch nicht über⸗ 
winden und gab mir nicht die Ehre, mich deshalb zu loben. Die 
Königin begriff nichts von diesem Benehmen und war sehr erbittert 
darüber, obgleich sie es nicht zeigte. Endlich erlöste uns Fräulein 
von Pöllnitz von ihrer unerträglichen Kritik und ging wieder nach 
Hannover. Nicht lange nach ihrer Abreise kam auch Fräulein von 
Brunnow, Schwester der Frau von Kamken, nach Berlin. Sie war 
Ehrendame der Kurfürstin Sophie von Hannover, meiner Urgroß— 
mutter, gewesen, und lebte noch an diesem Hofe, von dem sie eine 
Pension bezog. Es war ein gutes Geschöpf, aber dumm wie ein 
Tragkorb. Sie erkundigte sich viel nach mir bei ihrer Schwester. Da 
diese Dame ganz zu meinen Freundinnen gehörte, sagte sie ihr 
mehr LCobenswertes über mich, als ich verdiente. Die Brunnow 
schien durch diese Mitteilung der Frau von Kamken sehr über— 
rascht. „Unter Schwestern“, sagte sie zu ihr, „kann man offener 
reden, als du tust, und nicht Sachen verbergen, die öffentlich be— 
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