ziehen. „Auf den ersten Anblick wird sie dir gefallen,“ setzte sie
hinzu, „denn ihr Gesicht ist allerliebst, aber sieht man sie länger
als einen Augenblick, so ist es nicht zum aushalten.“ Darauf lachte
sie über die schöne Anordnung, die der König in Ansehung unseres
Unterkommens gemacht hatte und fragte, wie wir alles machen
wollten? Meine Schwester sagte, der König habe gut befehlen,
es wäre dennoch unmöglich, uns einzurichten und wirklich glaubte
ich nicht, daß einem Menschen jemals so etwas eingefallen ist. Die
beiden Zimmer, welche man uns bestimmte, hatten keine Ausgänge
und das eine von ihnen war ein kleines Kabinett. Meine Schwester
und ich nahmen unsere Einrichtung vor; ihr und ihrer Kammerfrau
ließ ich das Kabinett und mit Hilfe einer Menge Schirme machte ich
aus meinem Zimmer eine ganze Wohnung für sechs Personen,
denn soviel waren wir mit dem Erbprinzen und unserer Diener—
schaft. Meine Hofmeisterin, die seit einiger Zeit sehr unpäßlich
war, ward plötzlich von einer Halsentzündung mit heftigem Fieber
befallen; ihr Uebel beunruhigte mich sehr und um so mehr, da
ich niemand bei mir hatte.
Ich erwartete den Erbprinzen den zweitfolgenden Tag, die
Kronprinzessin, der Herzog und die Herzogin von Bevern und ihr
Sohn sollten am zweiundzwanzigsten Juni ankommen. Die Königin
hatte mir von der Herzogin von Braunschweig ein abschreckendes
Gemälde gemacht; sie war die Mutter der Kaiserin und machte
in dieser Eigenschaft Ansprüche auf Auszeichnungen, die sie nicht
verlangen konnte; sie war unleidlich stolz und hatte den Vortritt
vor der Kronprinzessin gefordert, die Königin sagte mir, wenn
ich meine Maßregeln nicht beizeiten nähme, würde ich viele Händel
mit ihr haben.
Ich war in größter Verlegenheit, der König lebte wie ein
Candedelmann und wollte nicht einen Schatten von Zeremoniell
um sich haben. Er behandelte meine Schwestern wie Töchter vom
Hause, wollte, daß sie die Gäste empfingen und konnte die Rang—
streitigkeiten nicht leiden, sie mußten allen fremden Prinzessinnen,
die nach Berlin kamen, den Vortritt lassen. Ich wußte, daß diese
Seite sehr zart zu berühren war und mir viel Verdruß machen
konnte, wußte aber auch, daß ich meine Vorrechte als Königs⸗
tochter, wenn ich sie einmal verloren, nie wiedererlangen würde.
Nach langer Ueberlegung entschloß ich mich, es daraufhin zu wagen
und mit dem Rönig darüber zu sprechen, die Königin versprach mir
ihren kräftigen Beistand.
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