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Das "alte Haus"

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Das „alte Haus“ 
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Schauspielhause vorübergehen, und sie zeigen mit Stolz darauf 
hin und sagen dem Fremden: „Das ist unser Theater, unser 
königliches Theater.“ Ja, in der Tat; ein königliches Haus, 
von außen und innen; eine Freistatt der dramatischen Kunst, 
von den Königen von Hannover mit verschwenderischer Hand 
gegründet, von den Königen von Preußen mit freigebiger Hand 
erhalten. Das ist es — ich kanns bezeugen, denn ich habe das 
Haus in unvergeßlichen Stunden kennen gelernt und habe er— 
fahren, was es für die Stadt bedeutet, in der es steht. 
Wenn ich früher den Namen Hannover nennen hörte, hatte 
ich die Empfindung von etwas Kaltem, Fremdem, Gleichgültigem. 
Wie erstaunt war ich daher, als mir im Januar 1882 durch 
den damaligen Intendanten, den trefflichen Herrn v. Bronsart, 
die Aufforderung zuging, ich möchte doch einmal nach Hannover 
kommen, mir eine Aufführung des „Menoniten“ ansehen, der 
dort mit Erfolg gegeben worden sei. 
An einem Winternachmittage, als es schon zu dämmern 
begann, kam ich in der fremden Stadt an. „Geben Sie acht,“ 
sagte mir ein hannoverscher Herr, der mit mir im Coupé saß, 
„wenn wir in die Stadt einfahren, können Sie das Theater 
sehen.“ Und richtig, indem wir langsam zwischen den äußeren 
Häuserreihen dahinrollten, öffnete sich eine Straßenzeile nach dem 
Innern der Stadt; hochaufgetürmt stieg ein prachtvolles Gebäude 
vor meinen Augen auf, der Giebel des Daches mit zwei ehernen 
Greifen geschmückt, die eine Leier zwischen den Tatzen halten. 
„Wie schön,“ sagte ich unwillkürlich. 
„Nicht wahr?“ versetzte der Hannoveraner, „das ist unser 
Theater.“ Die Augen leuchteten ihm. 
Mir wurde warm ums Herz. Wie das Wahrzeichen der 
Stadt erschien mir das Haus; die Stadt mochte doch wohl so 
kalt nicht sein. — 
Nein — sie war nicht kalt. — Auf dem Bahnhofe emp⸗ 
fing mich der alte Oberregisseur des königlichen Schauspiels,
	        
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