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Alt-Berlin

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Alt-Berlin 
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wieder ist etwas, das mir gefällt und das ich liebe: die alten 
bronzenen Pfähle rings um das Zeughaus und zwischen den 
Pfählen die alten eisernen Ketten. Gott im Himmel, wie sie 
ausgeschliffen sind, die Kettenglieder! Wovon denn nur? Nun, 
davon — weil seit sechzig Jahren und solange ich überhaupt 
denken kann, die Berliner Jungen und Mädchen auf den 
Ketten sitzen und sich schaukeln, sich schaukeln. Die blassen, 
mageren, ach, manchmal so verhungerten kleinen Gesichter, wie 
sie leuchten vor Vergnügen! Hinter ihnen, wie ein Berg auf— 
steigend, das herrliche, alte Gebäude! Ist's nicht, als wenn 
ein Schmunzeln über seine Wände hinginge: „Seid fröhlich, 
ihr Kleinen, ihr Kinder meines lieben Berlin! So viel Ernst⸗ 
haftes, Mächtiges, Furchtbares habe ich da drinnen zu be— 
wahren, an euerem Anblick will ich mich erholen, an euerem 
Anblick erfahren, wie die schwersten Dinge der Erde, eherne 
Pfähle, eiserne Ketten, sich in Anmut verwandeln, wenn die 
Phantasie der Menschen darüber herkommt, in Gestalt eines 
spielenden Kindes.“ 
Nun am Kupfergraben gehen wir weiter. 
„Am Kupfergraben“ — wie mir der Name gefällt! 
Wieviel besser als diese erfindungslosen, modernen Straßen⸗ 
bezeichnungen mit ihren aus der Landkarte hergeholten Städte- 
namen, die so gar nichts, gar nichts sagen! Und indem wir 
weitergehen, summen mir aus meiner Kinderzeit die Verse 
durch den Kopf, die man mir als Text für das Retraite-Signal 
nannte? 
„Soldaten stehn am Kupfergraben, 
Wollen Traktamente haben. 
Geduld. Geduld. Geduld.“ 
Jawohl, nur etwas Geduld noch, gleich sind wir da, wo— 
hin ich führen wollte. Hinter dem Gießhause sind wir schon 
vorbei. Links öffnet sich die Dorotheenstraße, aus der die 
Bäume des Kastanienwäldchens herüberwinken. Dann zur
	        
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