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Karl Frenzel. Zu seinem achtzigsten Geburtstag. 6. Dezember 1907

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

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Karl Frenzel 
mir eine Ahnung, daß das Alter des Menschen doch vielleicht 
etwas andres sein möchte als nur die Schlacke am feurigen 
Leibe der Menschheit, als nur der Neidblick der Unkraft, der 
sich an die strotzenden Glieder der Kraft hängt und ihr die 
Freudigkeit aus dem Herzen saugt; eine Ahnung, daß im 
Gegensatz zu diesem allen der alte Mensch etwas Köstliches 
für den jungen bedeuten möchte, eine Vorratskammer, aus 
welcher dieser Stab und Werkzeug holen kann, wenn er nicht 
weiter weiß, ein klar geläuterter Wein, an welchem sich dieser 
Erquickung trinken kann, wenn der heiße Weg ihm gar zu heiß 
macht. Er kann es sein, der alte Mensch — nicht daß er es 
immer wäre. Bedingung steht voran, daß in dem alten Leibe 
die Seele jung und wach geblieben und nicht verkümmert sei 
unter dem vielen Bitteren, das ein langes Leben über den 
Menschen ausgießt. Bedingung, daß diese seine Seele nicht 
auf der dürren Halde des Egoismus nur zur Weide gegangen 
sei, sondern sich genährt habe von den großen Dingen, die die 
dumpfe Sehnsucht aller und die Nahrung der erlesenen Geister 
sind. Da aber, wo diese Bedingungen sich erfüllen, geschieht 
dann etwas Schönes: da verwandelt sich der geringschätzige 
Ausdruck im Auge der Jugend in den warmen Blick der 
suchenden Liebe, da ist kein verhaltenes Gähnen mehr, wenn 
der Alte spriceht, sondern andächtiges Lauschen; und wenn ein 
neuer Jahresring sich um den alten Stamm zusammenschließt, 
da kommen sie alsdann, die Jungen, Starken, die Lebendigen, 
und „wir haben dich noch“, rufen sie ihm zu, „und wollen dich 
behalten, weil wir einen brauchen, der nicht im Tale drunten 
steht, wo die Parteien, wo wir stehen, sondern darüber, auf 
überschauender Warte, die Kenntnisse und Erfahrungen unter 
ihm gebaut haben, der uns Rat erteilen kann von seiner Weis— 
heit herab, Belehrung, Tadel und Preis. Und ein solcher, den 
wir brauchen lieber Alter, der bist du!“ 
Dieser Ruf geht heute durch Deutschland. Ein Baum
	        
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