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Karl Frenzel. Zu seinem achtzigsten Geburtstag. 6. Dezember 1907

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Karl Frenzel 
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wenn es ein Mensch ist, der das alles einmal besessen und ge— 
konnt hat, was jetzt die da über ihm besitzen und können, der 
es nicht mehr ausüben kann aus dem elenden, mechanischen 
Grunde, weil er zu alt geworden, ist es anders möglich, als 
daß dieser Mensch, dieser alte, mit scheelen Augen zu dem 
Gebäude aufblickt, das sich prahlend „die Welt“ nennt, während 
er doch weiß, daß „die Welt“ in das Haus gehört, in dem er 
einmal jung war? Anders möglich, als daß er sich mit finsterer 
Verbissenheit in die Erinnerung vergräbt, weil nur in seiner 
Erinnerung die wahre, die echte Welt lebt, während diese neue, 
diese junge ihm falsch und schlecht und unecht ist? Wer sieht 
und fühlt die unbewußte Geringschätzung, mit der Jugend auf 
Alter blickt, wer hört und versteht das verhaltene Gähnen, mit 
dem Jugend den Erzählungen des Alters lauscht, und wundert 
sich, wenn das Alter die Geringschätzung der Jugend mit In— 
grimm, ihr Gelangweiltsein mit Verachtung vergilt? wenn es 
die Jugend befeindet, verlästert und haßt? Nein, ihr Friedens— 
apostel, bevor ihr dem Menschen euer „Waffen nieder“ auf— 
zwingen wollt, ändert die Grundbedingungen der kämpfenden 
Natur, denen der der Natur unterworfene Mensch unter⸗ 
worfen ist! 
Aber indem ich dieses schreibe, stockt mir die Hand; ein 
großes Auge sieht auf mich herab, das Auge der Menschheit: 
„Ist es nur der Mechanismus, und die unbewußt elementare 
Natur, die mir gebietet? der ich gehorche? Weißt du von der 
Gott⸗ geborenen Seele im Menschen nichts, die ihn widerstands⸗ 
fähig macht gegen Fleisch und Blut, die sein Auge zur Er— 
kenntnis öffnet, daß es hinwegzuschauen lernt über Eintag und 
Augenblick in den weisheitsvollen Zusammenhang der ewigen 
Dinge, wo sich das versöhnt, was dem Eintag und Augenblick 
unversöhnlich erschien? wo Werden und Vergehen zu der großen 
Harmonie zusammentönen, aus der das geheimnisvolle Wort 
„Leben“ erst herausklingt? Und indem ich dieses höre, kommt
	        
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