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Ein Wort über Weimar

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Ein Wort über Weimar 
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Schlage auf den Kreis richten, in dessen Mitte solche Dinge 
zu holen sind, auf die Goethe-Gesellschaft. Dann mit einem 
Schlage wären wir nicht nur eine gelehrte, sondern eine litera— 
risch lebendige Versammlung. 
Möchte man im Vorstande der Goethe-Gesellschaft meinen 
Vorschlag beherzigen! Wenn der große Goethe aus seinem 
Drüben noch einmal unter uns träte, keinen stärkeren Befür— 
worter würde der Vorschlag haben als ihn; als ihn, der sich 
freuen würde, daß wir uns bewußt sind, „zwei solche Kerle“ 
besessen zu haben, der sich freuen würde, daß wir auch seinen 
„großen Freund“ nicht vergessen haben. 
In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieb 
der Literaturhistoriker Koberstein an Ludwig Tieck einen Brief, 
worin er sich über die Alleinherrschaft beklagte, die Schiller 
damals in der deutschen Literatur ausübte. In den Tagen, in 
denen wir leben, ist es, als wäre Schiller ausgelöscht und als 
hätte es in Deutschland überhaupt nur einen Dichter, Goethe, 
gegeben. Wem es Spaß macht, darüber zu lachen, der lache 
und vergleiche unsere beiden Dioskuren mit den Eimern im 
Ziehbrunnen, von denen der eine in der Tiefe verschwinden 
muß, wenn der andere emporsteigt. Ich für mein Teil finde 
es nicht spaßhaft, sondern erbärmlich, daß wir Deutschen unserer 
Liebe und Bewunderung für einen großen Mann keinen ande— 
ren Ausdruck zu finden wissen, als daß wir ihn als Keule be— 
nutzen, um alles, was nicht er ist, mit ihm totzuschlagen. Welch 
eine plumpe Art der Wertschätzung! Welch eine miserable 
Auffassung von großer Personlichkeit! Welch öde Verständnis- 
losigkeit für das in der Literaturgeschichte aller Völker beinah 
einzige Schauspiel vom Ineinandergreifen, Sichergänzen zweier 
im innersten Kern verschiedener, durch das große Wollen ver⸗ 
wandt gewordener großer Dichterindividualitäten! Soll dieser 
traurige Zustand, daß immer nur einer dasein darf und daß um 
ihn her Wüste sein muß, ein unausrottbar bleibender werden?
	        
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