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Ein Wort über Weimar

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

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Ein Wort über Weimar 
Zu einer solchen Heilung gehört zweierlei: einmal von 
seiten des Großherzogs, daß er seine ablehnende Haltung gegen⸗ 
über der Goethe-Gesellschaft aufgibt, den Wert und die Be— 
deutung des Goethe-Tages erkennen lernt; dann von seiten des 
Vorstands, daß er sich und damit die Goethe-Gesellschaft auf 
eigene Füße zu stellen lernt. Der Vorstand muß sich absolute 
Klarheit darüber verschaffen, ob der junge Großherzog dem 
Goethe-Tage sein Interesse fürderhin zuwenden will oder nicht. 
Sollte das letztere der Fall sein, so wird der Vorstand einer 
solchen Sachlage gegenüber feste und bewußte Stellung zu neh— 
men haben. Er wird sich zu sagen haben, daß ihm eine In— 
stitution anvertraut ist, die zwar dem Protektorate der Groß⸗ 
herzöge von Weimar unterstellt, von ihnen aber nicht geschaffen 
ist, daß es also erforderlichen Falles auch ohne sie gehen kann 
und gehen muß. Von deutschen Männern, im Interesse der 
deutschen Literatur ist die Goethe-Gesellschaft begründet worden 
— Schmach und Schande für Deutschland wäre es, wenn solche 
Männer nicht imstande sein sollten, aus eigener Kraft die ma— 
teriellen und geistigen Hilfsmittel aufzubringen, um ihr Werk 
am Leben zu erhalten, wenn sie ihr Werk zugrunde gehen ließen 
nur deshalb, weil es am höchsten Orte nicht das Verständnis 
findet, das sie dort zu finden erwartet hatten. Dann wären 
wir keine Deutschen mehr, sondern Byzantiner! 
Darum bin ich der Meinung, daß der Vorstand in diesem 
Jahre anders hätte verfahren sollen, als er getan hat, daß er 
den Goethe-Tag nicht hätte verschieben oder, wenn er ihn ver— 
schob, den Festvortrag nicht hätte ausfallen lassen, daß er den 
Goethe-Tag ganz in der gewohnten Weise hätte abhalten 
sollen, ohne sich von der Anwesenheit oder Nichtanwesenheit 
des Großherzogs beeinflussen zu lassen. 
Ich bin aber ferner der Meinung, daß der Vorstand diese 
Stunde, die ich als eine Schicksalsstunde für unsere Gesellschaft 
empfinde, dazu benutzen sollte, einmal an sich selbst eine Prü—
	        
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