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Simson und Delila

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Faust in Weimar 
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kleinen, geistig so großen thüringischen Stadt ausgehend in 
immer weiter wachsenden Wellenkreisen durch Deutschland flog 
und die Menschen von nah und fern zu dem hellen Mittelpunkte 
heranzog; Faust. Unwillkürlich wird man zum Novellisten, wenn 
man es unternimmt, diese Aufführungen zu schildern, welche 
in der Woche vor Ostern dieses Jahres zu Weimar stattfanden. 
Denn nicht nur, was sich im Theater und auf der Bühne be— 
gab, war sehens- und hörenswert — nein, auch das Leben, 
das sich außerhalb, das sich vor und nach den Vorstellungen ent⸗ 
wickelte, war es, und dieses alles zusammen gab jenen Tagen 
ihren ganz eigentümlichen Reiz, ihren wunderbar gehobenen 
duftigen Charakter. Wer an einem solchen Abende vor den 
geöffneten Pforten des Weimarer Theaters gestanden hat; wer 
es gesehen hat, wie der Platz zu Füßen der Kolossalstatue der 
Dichter-⸗ Dioskuren von Menschen wogte, die sich erst in er—⸗ 
wartungsvollen Gruppen sammelten und dann in die erschlossenen 
Räume hineinmündeten, der konnte sich der Gedanken nicht er⸗ 
wehren. „Es ist also doch noch möglich, daß, während Krieg 
und Kriegsgeschrei die Welt erfüllt, während die Spekulation 
ihre staubigen breiten Chausseen durch die blühenden Gefilde der 
dichtenden Phantasie zieht — sich deutsches Volk zum reinen 
stillen Kunstgenuß sammelt und dem Beschauer ein Bild bietet, 
das in kleinerem Maßstabe an die olympischen Spiele erinnert?“ 
Was sagen Sie denn dazu, meine Herren Bühnendirektoren, die 
Sie immer so gern mit dem geflügelten Worte bei der Hand 
sind, daß das deutsche Publikum keinen Sinn mehr besitze für 
Werke des großen Stils, für Erzeugnisse wahrer Poesie! Ich 
weiß genau, was Sie erwidern: „Diese Aufführungen haben 
ein paar Gebildete, ein paar Literaturfreunde herangelockt, die 
sich einmal den barocken Versuch ansehen wollten.“ Aber mit 
diesem Einwand kommen Sie nicht durch, denn es waren keine 
Rendezvous für die gebildete Welt allein, sondern es waren 
Volksfeste im wahren Sinne des Wortes. Die Galerien waren
	        
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