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Ein Wort über Weimar

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Ein Wort über Weimar 
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„Souverän“, der durch ein waffenstarrendes Spalier von Truppen 
einfährt, um nach einigen Tagen fremd wie er gekommen, wieder 
fremd davonzugehn, dem die Ansprachen, mit denen man ihn 
begrüßt, erst verdolmetscht werden müssen, weil er unsere Sprache 
nicht versteht — nein, eine ihnen allen, uns allen bekannte, 
vertraute, verständliche große Persönlichkeit, die eigentlich gar 
nicht erst zu kommen brauchte, weil sie immer gegenwärtig war, 
die man aber nur einmal im Jahr, eben an diesem merkwürdigen 
Tage zu sehen bekam und zu hören, weil man an diesem Tage 
den Alltagsstaub von der Seele geschüttelt, an diesem Tage die 
Wortdrescherei, die Nörgelei, die Simpelei da draußen nicht 
hörte, der heilige, der unsterbliche Geist der deutschen Poesie. 
Wenn sich alsdann am Sonntag Mittag die Mitglieder 
der Goethe-Gesellschaft im großen Saale der Erholung am 
Karlsplatze zu Weimar versammelten, mitten unter ihnen der 
alte Großherzog Karl Alexander, seine greise Gemahlin, die 
Großherzogin Sophie an seiner Seite, durch keine Erhöhung 
des Stuhles, kein irgendwelches äußere Zeichen von der Gesell— 
schaft unterschieden oder getrennt, mit ihrem Gefolge auf einer 
einfachen Stuhlreihe sitzend, wie alle übrigen, dann war der 
Gruß, den die ehrerbietig sich erhebende Versammlung ihnen 
darbrachte, kein leeres Zeremoniell, es war eine aus aufrichtigem 
Herzen kommende, dankbar bewußte Huldigung; dann war die 
Stimmung, mit der man dem Vortrage des Festredners lauschte, 
keine unter konventioneller Maske versteckte Langeweile, es war 
echte, rechte Feststimmung, und als ein echtes, rechtes Fest ge— 
nossen alle Anwesenden den Zauber dieser Stunde. Die „Fa— 
milie Weimar“ war unter sich. Als einen Vorgang von sym— 
bolischer Bedeutung empfand man es, daß das Haus der 
Ernestiner, das edle Haus, das nie gefehlt hat, wo es der Be— 
tätigung geistigen Lebens in Deutschland galt, auch jetzt, wo 
deutsche Menschen sich in einem Allerheiligsten des Geistes zu— 
sammenfanden, mitten unter ihnen war.
	        
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