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Auf den Trümmern von Akragas. Eine Mär

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

280 Auf den Trümmern von Akragas 
aufstehen und sagte: „Bleibe in meinem Hause und warte, 
bis ich wieder zu dir spreche.“ 
Alsdann, in drei Tagen, die auf diesen folgten, sprach 
der Meister zu dem Knaben an jedem Tag ein einziges Wort. 
Und am ersten Tage sagte er zu ihm: „Leben kommt vom 
Leben und kann nur werden, wenn ein anderes sich dafür auf— 
gibt; — wußtest du das?“ 
Darauf erwiderte der Knabe: „Ich habe es nicht gewußt, 
aber gefühlt, und nun du es mir sagst, weiß ich es.“ 
Am zweiten Tage sagte er zu ihm: „Nur wer die große 
Liebe besitzt, kann ein anderes zum Leben erwecken, nur wer sich 
selbst verliert, kann ein anderes finden; — wußtest du das?“ 
Darauf erwiderte der Knabe: „Ich habe es nicht gewußt, 
aber gefühlt, und nun du es mir sagst, weiß ich es.“ 
Und endlich am dritten Tage sprach er zu ihm: „Blind 
sein und alles sehen, taub sein und alles hören; nichts von dem 
wissen, was alle wissen, und alles verstehen, was alle nicht ver⸗ 
stehen; — kannst du das?“ 
Da erwiderte der Knabe nichts, sondern wie am ersten 
Tage senkte er die Knie und umfing mit den Armen die Knie 
des Meisters und blickte zu ihm auf. Und als der Meister den 
Blick gewahrte, fühlte er, daß in diesem Menschen das Ge— 
heimnis war, aus dem die Zeugungskraft des Künstlers kommt, 
daß Mann und Weib zugleich in ihm waren. 
Darum, wie er am ersten Tage getan hatte, küßte er ihn 
und sagte: „Morgen gehe ich einen Gang, und du sollst mich 
begleiten.“ 
Und am nächsten Tage ging er mit ihm zum Tempel der 
Aphrodite, der eben vollendet war. Da stand in dem Tempel 
das Bildnis der Göttin, eine ehrfurchtgebietende Gestalt, und 
alles Volk war versammelt und schaute bewundernd das Bild 
an. Darauf, als der Meister mit dem Knaben wieder hinweg⸗ 
ging, legte er den Arm um dessen Schulter, und: „Wie sie
	        
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