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Vier Dramen

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

Vier Dramen 
für uns an Sympathie, sobald es einem Unwürdigen gebracht 
wird. Und dieser Vater ist seiner Tochter unwürdig. Während 
wir Natalie den schweren Kampf für die Ehre der verstorbenen 
Mutter kämpfen sehen, verliebt sich der einstige Gatte dieser 
Mutter in eine ganz oberflächliche Witwe und der Dichter 
zwingt das Mädchen nicht nur, dies häßliche Schauspiel mit 
anzusehen, nein, er nötigt sie zu der Frivolität, die Abschließung 
dieser neuen Ehe zu begünstigen. Ja, er geht so weit, daß 
diese Ehe wirklich zustande kommt; und am Schlusse reichen 
gleichzeitig Natalie dem Geliebten ihres jungen und der Herr 
Papa der Erwählten seines abgestandenen alten Herzens die 
Hand, — das ernste Stück endigt mit einer Posse. Therese 
Teinach kann nicht leben, ohne die Ausübung der geliebten Kunst. 
Ist es denn aber wirklich der Fanatismus der Kunst, der Macht 
gewinnt über die Liebe zu ihrem Manne, der sie gewaltsam 
aus seinen treuen Armen reißt? Nein, er ist es nicht. Nicht 
die Bühne ruft sie, sondern das Bühnenleben, nicht die Stimme 
der Muse, sondern der liebgewordene Verkehr mit den Bühnen— 
Genossen. And damit uns gar kein Zweifel daran bleibe, muß 
die Heldin bei einer ganz äußerlichen Veranlassung, bei Ge— 
legenheit der Jubiläumsfeier eines ihrer alten Kollegen, zurück— 
kehren und das Haus ihres Gatten verlassen. And sie verläßt 
dieses Haus denn auch in ganz entsprechender Weise: kein Gefühl 
sagt ihr, daß sie eine Untreue an seinem Herzen begeht, von 
ihren Lippen ertönt nicht der bittere Schrei, welchen die Ver— 
zweiflung dem Menschen entringt, wenn eine unwiderstehliche 
Leidenschaft Macht gewinnt über ein heilig berechtigtes Gefühl 
seines Herzens. 
Sie geht, ein lustiges Liedchen auf lachenden Lippen, — 
sie geht, und geht aus dem Herzen des Zuschauers hinaus, um 
nie mehr dahin zurückzukehren, denn die Sympathie für sie 
erlischt bei solcher Verwässerung der Leidenschaft. 
Der Schluß des Stückes rettet gar nichts, denn er ist nicht
	        
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