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Das deutsche Drama. Seine Entwicklung und sein gegenwärtiger Stand

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

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Das deutsche Drama 
Davon ist bei den Göttern der Germanen nicht die Rede. 
Diese Götter sind immer übermenschlich groß, alle ihre Taten 
sind kolossal. Kolossal sind die Kämpfe, die sie untereinander 
und mit den Riesen führen; über den Menschen aber thronen 
sie wie die Wolken, die wohl Sturm und Regen und Schnee 
auf uns herabsenden, auch das Sonnenlicht zu uns hernieder⸗ 
dringen lassen, niemals aber sich körperlich an die Brust der 
Menschheit schmiegen. Bleibt es dahingestellt, welche von beiden 
Götteranschauungen die tiefsinnigere ist — daß die griechische 
für die Kunst die gedeihlichere war, darüber kann kein Zweifel 
bestehen. Dem Griechen stiegen seine Götter zur Erde herab, 
sie zeigten ihm ihr Antlitz und ihre Gestalt, und ließen sich von 
ihm porträtieren, in Farbe, Marmor und Erz; sie wohnten in 
seiner Mitte, und er baute ihnen Wohnhäuser in Gestalt 
wunderbarer Tempel. Der Germane erblickte seine Götter nie; 
sie wohnten in einer Höhe, zu der kein leibliches Auge, son⸗ 
dern nur der Gedanke reichte; wenn er zu ihnen beten wollte, 
ging er hinaus in den nicht von Menschenhänden gebauten 
Wald, oder auf die unbegrenzte Heide. Alles Denken des 
Griechen war körperlich und bildlich; alles Denken des Germanen 
unkörperlich und abstrakt. Immer fand der Grieche in der 
umgebenden Körperwelt, in den Linien seiner Gebirge und 
Meere, in den Formen und Gliedern der menschlichen Gestalt 
die Modelle für die Gebilde seiner Phantasie und zugleich die 
festen Maßlinien, über die er nicht hinaus durfte und nicht 
hinaus verlangte. Immer verlangte die Phantasie des Ger— 
manen über die umgebende Körperwelt hinaus, und immer war 
ihm das Maß eine Fessel. Darum ergab sich dem Griechen die 
Kunst, und er schenkte sie der Menschheit; dem Germanen 
ergab sich der Gedanke, der in die unerforschten Tiefen des 
Weltraumes dringt; er schenkte der Menschheit seine philoso⸗ 
phischen Systeme. 
Aber die Kunst versagte sich ihm, insbesondere die Kunst,
	        
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