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Das deutsche Drama. Seine Entwicklung und sein gegenwärtiger Stand

Full text: Blätter vom Lebensbaum / Wildenbruch, Ernst von (Public Domain)

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Das deutsche Drama 
Aus dem lyrischen Gedichte spricht die Persönlichkeit des Dich— 
ters, desgleichen aus der Novelle; aus dem Drama und bis 
auf einen gewissen Grad auch aus dem Epos und dem Roman 
erhebt sich die Stimme eines ganzen Volkes. AUnd darin beruht 
seine Wirkung. Denn man irrt sich, wenn man glaubt, daß 
das Drama nur deshalb Gewalt über die Seelen übe, weil es 
die Gedanken des Dichters in menschliche Gestalten verkörpert 
und reden läßt — seine Macht besteht darin, daß das Volk, 
das den Zuschauerraum füllt, ohne es zu wissen und zu ahnen, 
an dem Werke mitdichtet und mitspielt. 
Darum ist zu allen Zeiten das Drama auf das innigste 
mit dem Schicksal des Volkes verknüpft gewesen, aus dem es ent— 
stand. Das Schicksal eines Volkes aber ist seine Geschichte. 
Darum ist und bleibt das historische Drama das eigentliche, und 
je mehr ein Drama sich davon entfernt, um so mehr büßt es 
den Charakter seiner Gattung und damit seinen Wert ein. Nur 
muß man sich, um dieses richtig zu verstehen, vergegenwärtigen, 
daß es neben der äußeren auch eine innere Geschichte, neben 
der politischen auch eine Kulturgeschichte gibt, daß daher ein 
Drama nicht aufhört, ein historisches zu sein, wenn es seinen 
Gegenstand aus dieser inneren Geschichte nimmt. 
Aus dem Gesagten folgt, und ein Überblick über die 
Literaturgeschichte bestätigt es, daß die dramatische Dichtung 
der Kulturvölker sich immer in parallelen Linien, aufsteigend 
und absteigend, neben der geschichtlichen Entwicklung dieser Völker 
bewegt hat. Als die Perserkriege geschlagen waren, stürmten 
die Dramen des Aeschylos wie der Jubelruf des jugendlichen 
Hellenentums empor. Ihnen folgte die männliche Gereiftheit 
der Sophokleischen Dramatik, und von Sophokles stiegen, mit 
dem Verfall des Hellenentums, die Dramen des Euripides in 
der Anschauungsweise des Verfalls, zum Pessimismus hinab, 
während die Komödien des Aristophanes das gellende Lachen 
der Verzweiflung als Begleitmusik mitspielten.
	        
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